1.8.2010: Open letter of Gruppe Tacheles to Martin Reiter, Tacheles e.V. CEO

August 1st, 2010  |  Published in Documents

[english translation below]

Offener Brief an Martin Reiter, Tacheles e.V. Vorstand

Lieber Martin!

Die Zeit drängt – schon morgen könnte es kein Kunsthaus Tacheles mehr geben. Zeit, die unsichtbaren Mauern im Kunsthaus schrittweise abzutragen. Jetzt ist für das Haus und für die öffentliche Meinung zentral, hausintern aus der Energie aufzehrenden Spirale gegenseitiger Vorwürfe rauszukommen, um das Tacheles wieder auf Kurs zu bringen und Ideen, Witz und Phantasie im ganzen Haus einziehen zu lassen! Warum wir uns ständig streiten, versteht die Welt schon lange nicht mehr.

In unserer Gruppe haben sich knapp die Hälfte der im Tacheles arbeitenden Gruppen und Projekte organisiert. Jetzt möchten wir unsere Kooperationsangebote an den Tacheles e.V. erneuern: Dazu zählt die gemeinsame Nutzung des Nachrichtenportals tacheles.info, auf dem wir alle Aktivitäten um das Kunsthaus wertneutral dokumentieren: Ein Zugang für Linda Cerna & Dich ist bereits frei geschaltet – Passwortvergabe auf Anfrage. Auch alle anderen im Haus sind eingeladen, ihre Anliegen zu dokumentieren und über die Zukunft des Tacheles mit zu diskutieren. Zu unseren Angeboten zählt auch Eure Beteiligung am Festival „Tacheles 3.0“ am 20./21. August sowie das Erstellen einer gemeinsamen Künstler-Interview-Broschüre, die nur von allen Seiten autorisierte und gegengelesene Texte enthalten soll.

Zugleich möchten wir als Gruppe Tacheles Übereinstimmung mit dem Tacheles e.V. in wesentlichen Punkten signalisieren.

1. Wir sind uns einig, dass Einnahmen im Gebäude für die Kunst verwendet werden müssen. Dazu zählen nicht nur Mieteinnahmen des Tacheles e.V., sondern auch die gastronomischen Einnahmen, die bereits seit Jahren der Arbeit von Künstlern, Musikern und Projekten aus aller Welt und unzähligen sozialversicherten Mitarbeitern zugute kommen. Für das gesamte Kunsthaus Tacheles stehen wir hingegen erst dann wieder in der Pflicht, wenn wir als Gruppe durch eine demokratische Leitung mit-repräsentiert werden. Wir glauben, dass eine solche Erneuerung gemeinsam zu schaffen ist und im Sinne aller wäre.

2. Wir sind uns mit Dir einig, dass zur Kunst auch Anspruch gehört. Das Einreißen der Grenzen zwischen Kunst, Pop und Leben, zwischen Feiern und Kontemplation, für das gerade die Freifläche steht, gehört für uns dazu und wird seit Jahren durch ein anspruchsvolles internationales Kunst- und Musikprogramm verkörpert. Den von Dir oft kritisierten Sauftourismus und Ballermann-Mentalität lehnen wir hingegen genauso ab wie Du.

3. Wir sind uns mit Dir einig, dass im Tacheles keine Gewalt, Vandalismus oder kriminelle Strukturen geduldet werden. Deshalb setzen wir im internen Streit auf konsequente De-Eskalation. Es geht nicht an, dass im Tacheles verbale oder körperliche Gewalt ausgeübt wird, sei es von Gästen oder von hier Arbeitenden, gleichgültig welcher Gruppe sie sich zugehörig fühlen.

Zugleich möchten wir jedoch auch an zwei öffentlich von Dir vorgetragenen Positionen vorsichtige Kritik üben, denn auch Debatte gehört zur Demokratie des Kunsthauses.

1. Wir halten einen Hungerstreik für das falsche Mittel, um für den Erhalt des Tacheles zu protestieren. Es geht beim Tacheles nicht um Leben und Tod, und wir leben in der Bundesrepublik auch in keiner Diktatur, gegen die eine solche Maßnahme angebracht wäre. Wir müssen der Welt erklären können, warum es das Tacheles gibt, statt bloß Geld zu fordern und Druck auszuüben. Wir müssen erklären, für welche Idee das Tacheles steht. Nicht bloß retten und erhalten, sondern etwas erschaffen, was uns neue Sympathien bringt.

2. Wir möchten nicht, dass das Tacheles in Zukunft ein Museum der Neunziger Jahre oder eines jener unzähligen Street-Art-Museen wird, wie von Dir öffentlich gefordert. Das Tacheles darf kein Museum, kein Denkmal seiner selbst werden, eingefroren wie eine Fliege im Harz, sondern muss Freistaat und Narrenschiff im Zentrum der Macht bleiben, das im bizarren Umfeld von Politprominenz, Zuhälterei, Tourismus, Gentrifikation und Kunstmarkt eine Kraft lustvoller Konfrontation und sozialer Intervention bleibt. Dazu gehört das konsequente Einbinden neuer machtkritischer Gruppen und Kollektive, und es bedeutet, ein zukünftiges, nach innen friedfertiges, nach außen künstlerisch kompromissloses Tacheles zu erschaffen.

Lieber Martin, es ist manch Schlimmes, aber auch viel Großartiges in den vergangenen Jahren im Kunsthaus Tacheles passiert, sicherlich auch manches, was von Beteiligten heimlich bedauert wird. Es ist an der Zeit, die Gespenster der Vergangenheit ruhen zu lassen. Jetzt geht es um die Zukunft. Der Schlüssel ist gegenseitiges Vertrauen.

Wir freuen uns auf eine Antwort!

Mit liebem Gruß

Gruppe Tacheles. Berlin, den 01.08.2010.

Olli Jungnick, Stefan Schulz, Roman Terrent, Space Pfeffer, Aaron Brix, Fabian Brix, Kati Geissler, Tim Africa, Hans Narva, Alexander Ernst, Javier Hernandez, Mex Schlüpfer, Ludwig Eben, Ewelina Wydra, Kian Nawim, Janet Nitzsche, Olivier Putzbach, Johannes Abraham, Jesus Maria Parras, Ulrik Wagner, Heinz-Rudolf Reinemann, Jose Dominguez, The hybrid creatures, Marek Schowanek, Manfred Moorkamp, Enken Volkers, Pete Missing, Gerrit Haasler, Henrik Hansson, Richard Royse, Jaime Correa, Jenny Prinz, Bernd Lagemann, Jan Stelter, Juan Bucci, Uwe Gillert, Thorsten Schröder, Christian Bikadi, Uwe Kessler, Uwe Preuss, Tunji Tunji, Jenny Rosemeyer, Otto Glugar, Jenny Bühsing, Katrin Maßmann, Peter Multhaup, Kemal Cantürk, Ozgür Büyökaya, Mauro la Mula, Macha Trujillo, Michael Gärtner, Bianca Perndl, Anna Biedermann, Mohammed Razzak, Sabine Kremke, Hank Moell, Julia Hoffmann, Alex Bulgrin, Carsten Klepel, Rebbek Wehner, Rolf Völter, Paulo San Martin, Martin Stadler, Andreas Hartwich, Armin Mostoffi, Alexander Boese, Conny Boese, Birol Ünel, Boris Riedel, Cesar Aguirre, Christine Fleischer, Dany Scheffler, Robert Schwanghart, Eddi Egal, Markus Gehrke, Christian Fertmann, Dario Sendoya, Luise Dengel, Christian Hintz, Howi Williams, Guido Vargas, Jens Schubert, Vitali Cerni

Die Gruppe Tacheles wird von folgenden Organisation im Tacheles unterstützt: Café Zapata, Studio 54, Cinema Highend 54, Emma Goldmann Hotel (Galerie), Maggies Farm, Kalerie (Galerie) und die Betreiber der Freifläche.

[english translation]

Open letter to Martin Reiter, Tacheles e.V.

Dear Martin!

Time is short – tomorrow there could be no Kunsthaus Tacheles anymore. Hence, it is time to gradually tear down the invisible walls within our community. It is crucial for the house and for public opinion, to break out of the energy-draining spiral of accusations, to set the Tacheles back on course and let joint ideas, wit and imagination return!

Approximately half of the artists, groups and projects in Tacheles have joined in the Tacheles group (Gruppe Tacheles). Now, we want to renew our offers of cooperation with the Tacheles e.V.: This includes the concerted use of the news portal tacheles.info to document all activities around the Kunsthaus: An account for you & Linda Cerna is already set up – passwords on request. Of course, everyone within the house is invited to document their concerns and discuss the future of Tacheles as well. Our offer also includes your participation in the Festival “Tacheles 3.0″ on 20/21. August – as well as creating a joint artist-interview-brochure that will contain only authorized and texts proofread both by our group and Tacheles e.V. These are first steps.

At the same time, we want to send a signal of agreement with the Tacheles e.V. in three substantial issues, that you have discussed in the public in the past.

1. We agree with you, that all Tacheles revenues must be used for art. This includes not only rental income of Tacheles e.V., but also revenues of our group, that have always been used to support the work of artists, musicians, and projects from all over the world as well as for Tacheles employees. Of course, the precondition for the Tacheles group payments to the Tacheles e.V. is democratic representation within the Verein. We believe that such a renewal is possible and common interest. The Tacheles needs a fair mediation between and representation of all groups. Then the money will start to flow again, not only between groups within the Tacheles, but also from outside, because we will gain in credibility. The winner will be art itself.

2. We agree with you, that art should be sophisticated. The rupture of the boundaries between art, pop and life, between celebration and contemplation (embodied in an international art- and music program) is part of our sophisticated approach. We reject booze tourism and Ballermann-mentality just like you.

3. We agree with you that no violence, vandalism or criminal structures will be tolerated in our house. This is another reason why we think that internal dispute should be de-escalated.

We also want to put forward cautious criticism, because relaxed debate is part of the democracy of the Kunsthaus.

1. A hunger strike is the wrong way to protest for the preservation of Tacheles: We are not talking about issues of life and death. We need to tell the world why there is a Tacheles, instead of simply calling for money or exerting pressure. We have to explain what the idea of Tacheles is. Not just save and rescue, but create new public sympathy for new and original ideas.

2. We do not want the Tacheles to become a museum for the nineties, or one of the innumerable street art museums, as proposed by you in public. The Tacheles should not become a mere museum, no monument of itself, frozen like a fly in resin, but should remain a free state, a ship of fools at the center of power in Berlin-Mitte, a settlement of free and independent artists and thinkers in a bizarre environment of political notables, pimps, tourism, gentrification and art-galleries. Here, we have to remain a force of confrontation and social intervention. This includes the systematic integration of new power-critical groups and collectives and it means dreaming and building a new peaceful and artistically uncompromising Tacheles.

Dear Martin: Some bad, but also a lot of great things have happened in the past few years in the Kunsthaus Tacheles, certainly some things that are secretly regretted by those involved. Now is the time to suspend the ghosts of the past. It is time for the future. The key is mutual trust.

We are looking forward to a reply!

With kind regards
Group Tacheles

Berlin, August 1st 2010.

Olli Jungnick, Stefan Schulz, Roman Terrent, Space Pfeffer, Aaron Brix, Fabian Brix, Tim Africa, Kati Geissler, Hans Narva, Alexander Ernst, Javier Hernandez, Mex Schlüpfer, Ludwig Eben, Ewelina Wydra, Kian Nawim, Janet Nitzsche, Olivier Putzbach, Johannes Abraham, Jesus Maria Parras, Ulrik Wagner, Heinz-Rudolf Reinemann, Jose Dominguez, The hybrid creatures, Marek Schowanek, Manfred Moorkamp, Enken Volkers, Pete Missing, Gerrit Haasler, Henrik Hansson, Richard Royse, Jaime Correa, Jenny Prinz, Bernd Lagemann, Jan Stelter, Juan Bucci, Uwe Gillert, Thorsten Schröder, Christian Bikadi, Uwe Kessler, Uwe Preuss, Tunji Tunji, Jenny Rosemeyer, Otto Glugar, Jenny Bühsing, Katrin Maßmann, Peter Multhaup, Kemal Cantürk, Ozgür Büyökaya, Mauro la Mula, Macha Trujillo, Michael Gärtner, Bianca Perndl, Anna Biedermann, Mohammed Razzak, Sabine Kremke, Hank Moell, Julia Hoffmann, Alex Bulgrin, Carsten Klepel, Rebbek Wehner, Rolf Völter, Paulo San Martin, Martin Stadler, Andreas Hartwich, Armin Mostoffi, Alexander Boese, Conny Boese, Birol Ünel, Boris Riedel, Cesar Aguirre, Christine Fleischer, Dany Scheffler, Robert Schwanghart, Eddi Egal, Markus Gehrke, Christian Fertmann, Dario Sendoya, Luise Dengel, Christian Hintz, Howi Williams, Guido Vargas, Jens Schubert, Vitali Cerni

Group Tacheles is supported by following organisations and groups on the Tacheles site & building: Café Zapata, Studio 54, Cinema Highend 54, Maggies Farm, two of the galleries (Kalerie, Emma Goldmann Hotel), the hosts of the open space.

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