16.04.2011 | Berliner Morgenpost | Dr. Motte und die 300 Demonstranten

April 16th, 2011  |  Published in Pressarchive

Der Zorn der Protestierenden richtete sich auch gegen eine etwa 2,50 Meter hohe Mauer im Torbogen des Hauses. Die Sperre wurde nach Angaben von Kunsthaus-Sprecherin Linda Cerna im Auftrag der Verwalterin HSH Nordbank gebaut, um die auf dem Hof arbeitenden Künstler von den im Haus arbeitenden Künstlern zu trennen. „Dadurch soll der Zusammenhalt unterbunden werden“, sagte Cerna. „Man will uns scheibchenweise kleinkriegen.“ Außerdem sei das Wasser abgestellt worden.

Der Vorsitzende des Tacheles Vereins, Martin Reiter, forderte Wowereit auf, eine Lösung für das von der Zwangsräumung bedrohte Kunsthaus herbeizuführen, beispielsweise durch einen Grundstückstausch. Wowereit solle die Mauer „mit einem Hammer einzuhauen“, sagte Reiter: „Berlin ist mehr wert, als die Investoren bereit sind zu zahlen.“ Er kündigte an, dass die verbliebenen Künstler den Umbau verzögern werden. In Anspielung auf die Berliner Mauer forderte Dr. Motte: „Ich will nicht, dass sich Geschichte in Deutschland wiederholt. Deshalb: Die Mauer muss weg.“ Er rief Wowereit dazu auf, etwas dafür zu tun, dass Berlin eine lebenswerte Stadt bleibe. „Wer das Tacheles verkauft, verkauft Berlin.“

Wowereit hatte in einem Interview mit dem “Tagesspiegel” (Samstagausgabe) gesagt: „Dieses Gelände zu entwickeln, ist nicht zum Schaden.“ Es sei nicht erstrebenswert, eine Ruinensituation aufrechtzuerhalten. „Man kann nicht über jede Brache, die durch Teilung und Weltkrieg entstand, eine Käseglocke legen.“

Wowereit fügte hinzu: „Es gibt andere Flächen, wo etwas Neues entstehen kann, was dann nach 10, 20 Jahren vielleicht auch wieder verschwindet.“ Berlin brauche Freiräume für Kultur, auch in der Stadtmitte. Aber es lasse sich nicht alles, was in der Wendezeit interessant gewesen sei, konservieren. „Das Tacheles, so wie wir es einst ins Herz geschlossen haben, gibt es längst nicht mehr.“ Im Bebauungsplan sei aber festgehalten, dass sich dort Kultur wiederfinden soll, „wohl wissend, dass das ein weiter Begriff ist.“

Nach dem Fall der Mauer hatten Ostberliner Künstler die Kaufhausruine in Berlin-Mitte besetzt. Das inzwischen legendäre Tacheles kämpft seit langem ums Überleben. Das 1990 besetzte Kunsthaus sowie weitere Grundstücke an der Oranienburger Straße sollen zwangsversteigert werden. Ursprünglich war die Versteigerung des 25.000 Quadratmeter großen Areals – dessen Verkehrswert bei 35 Millionen Euro liegt – bereits für den 4. April angesetzt. Der Termin wurde aber kurzfristig abgesagt. Als Grund führte die HSH Nordbank an, dass die Verhandlungen mit diversen Interessenten nicht rechtzeitig zum Abschluss gebracht werden konnten. Die Bank rechnet aber mit einer baldigen Fortsetzung.

Ein Teil der Nutzer räumte die zur Zwangsversteigerung stehende Ruine Anfang April freiwillig – und erhielt dafür eine Million Euro. Woher das Geld kommt, sei noch immer unklar, sagte der Ex-Pressesprecher der nunmehr aufgelösten Gruppe, Tim Africa. Kurz darauf wurde der Durchgang zur Freifläche hinter der denkmalgeschützten Kaufhausruine zugemauert und ein Teil des Grundstücks geräumt. Am Samstag schützten Security-Leute die Mauer, vor der sich die Demonstranten versammelt hatten.

Die Protestaktion vor dem Tacheles soll bis in den Abend hinein andauern. Geplant waren Redebeiträge, Musik- und Theateraufführungen.dapd/dpa/dino

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