17.04.2011 | dapd | Hunderte demonstrieren für Erhalt des Kunsthaus Tacheles

April 17th, 2011  |  Published in Pressarchive

Berlin (dapd). Mehrere Hundert Menschen haben am Samstag für den Erhalt des Kunsthauses Tacheles in Berlin-Mitte demonstriert. Die Veranstalter sprachen von rund 500 Teilnehmern im Tagesverlauf. Die Aktion mit Künstlerperformances, Theateraufführungen und Musik dauerte bis in den späten Abend. Eine Sprecherin des Veranstalters sagte, die Resonanz sei sehr gut gewesen. Laut Polizei gab es keine Zwischenfälle.

Der Vorsitzende des Tacheles Vereins, Martin Reiter, forderte Berlins Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) auf der Demonstration auf, eine Lösung für das von Zwangsräumung bedrohte Kunsthaus herbeizuführen, etwa durch einen Grundstückstausch. Unterstützung erhielten die Demonstranten von Loveparade-Gründer Dr. Motte. Wowereit sprach sich unterdessen aber für einen Verkauf und die Bebauung des attraktiven Areals aus.

Das 1990 besetzte Kunsthaus sowie weitere Grundstücke an der Oranienburger Straße sollen zwangsversteigert werden. Ursprünglich war die Versteigerung des 25.000 Quadratmeter großen Areals, dessen Verkehrswert bei 35 Millionen Euro liegt, bereits für den 4. April angesetzt. Der Termin wurde aber kurzfristig abgesagt. Als Grund führte die HSH Nordbank an, dass die Verhandlungen mit diversen Interessenten nicht rechtzeitig zum Abschluss gebracht werden konnten. Die Bank rechnet aber mit einer baldigen Fortsetzung.

Security-Mitarbeiter schützen Trennmauer

Einen Tag nach der abgesagten Versteigerung verließ ein Teil der Nutzer – überwiegend Gastronomen – gegen Zahlung von einer Million Euro das Gebäude. Von wem das Geld stammt, ist unbekannt. Kurz darauf wurde der Durchgang zur Freifläche hinter der denkmalgeschützten Kaufhausruine zugemauert und ein Teil des Grundstücks geräumt. Am Samstag schützten Security-Leute die etwa 2,50 Meter hohe Mauer, vor der sich die Demonstranten versammelt hatten. Auf ihren Plakaten stand unter anderem: “Capitalism kills art” (Kapitalismus tötet Kunst), “Hier endet der demokratische Sektor” oder “Ihr habt die ganze Stadt verkauft”.

Reiter forderte Wowereit auf, die Mauer “mit einem Hammer einzuhauen”. “Berlin ist mehr wert, als die Investoren bereit sind zu zahlen.” Er kündigte an, dass die verbliebenen Künstler den Umbau zwei bis drei Jahre verzögern werden. Dr. Motte rief Wowereit dazu auf, etwas dafür zu tun, dass Berlin eine lebenswerte Stadt bleibe. “Wer das Tacheles verkauft, verkauft Berlin.”

Wie eine Vereinssprecherin am Sonntag sagte, war bis zum Mittag keine Reaktion des Regierenden Bürgermeisters eingegangen. Auch die Mauer stehe weiter. Nun werde überlegt, ob nicht in “naher Zukunft” eine größere Veranstaltung durchgeführt werde. Die Demonstranten forderten auch, dass die Wasserversorgung des Tacheles wiederhergestellt wird, die nach dem Auszug der Gastronomen gekappt worden war.

Wowereit: Tacheles von einst existiert nicht mehr

Viel Hoffnung auf politische Unterstützung können sich die verbliebenen Tacheles-Künstler wohl nicht machen. Wowereit sagte in einem am Samstag veröffentlichten Zeitungsinterview an, “man kann nicht über jede Brache, die durch Teilung und Weltkrieg entstand, eine Käseglocke legen. Das ist keine sinnvolle Stadtentwicklung”. Er fügte hinzu: “Es gibt andere Flächen, wo etwas Neues entstehen kann, was dann nach 10, 20 Jahren vielleicht auch wieder verschwindet.”

Berlin brauche Freiräume für Kultur, auch in der Stadtmitte, sagte der Regierende Bürgermeister. Aber es lasse sich nicht alles konservieren, was in der Wendezeit interessant gewesen sei. “Das Tacheles, so wie wir es einst ins Herz geschlossen haben, gibt es längst nicht mehr.”

In den 30 Ateliers des Kunsthauses arbeiten 80 bis 100 Künstler. Das marode Gebäude in der Nähe des S-Bahnhofs Friedrichstraße ist mittlerweile vor allem eine beliebte Touristenattraktion.

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