18.05.2011 | Neues Deutschland | Ehrenwerte im Exil

May 18th, 2011  |  Published in Pressarchive

Die Ausstellung »May Be – CAM in Berlin« beleuchtet das internationale Phänomen Mafia

Zunächst muss man sich durch eine Ansammlung mutmaßlicher Mörder hindurch drängeln. Auf mannshohen Fotos, von der Decke hängend, versperren international gesuchte Mafiosi den Eingang zur Ausstellung »May Be – CAM in Berlin« im Kunsthaus Tacheles. Der Untertitel der Exposition des Casoria Contemporary Art Museums (CAM) – »They could live in Germany« (sie könnten in Deutschland leben) – provoziert zusätzliche Wachsamkeit. War der Passant gerade etwa der untergetauchte Michele Zagaria?

Doch nicht anti-italienische Paranoia soll hier geschürt werden. Im Gegenteil, geht es den in und um Neapel verorteten Foto- und Installationskünstlern darum, die Mafia als internationales und eben nicht regionales Problem zu begreifen, das auch in Deutschland längst angekommen ist. Thematisiert wird in der kleinen, aber feinen Schau auch, wie durch eine heuchlerische Koalition aus Mafia, Medien, Staat und Kirche die gesamte Gesellschaft bis hin zu den Kinderspielen von Gewalttätigkeit und Bigotterie durchdrungen ist.

Fotograf Antonio Manfredi, auch Chef des CAM, hat für seine eingangs beschriebene Kompilation der Kriminellen die Köpfe der Fahndungsfotos auf betont »normale« Körper montiert. Hier wäre allerdings die Motivation interessant. Sind Mafia-Körper anders? Und: Bemüht sich die »ehrenwerte Gesellschaft« nach außen hin nicht sowieso um Normalität und Unauffälligkeit – schon aus professionellen Gründen?

Das verstörendste Werk bildet ausgerechnet spielende Kinder ab. Das großformatige, authentische Foto von Fulvio Di Napoli zeigt, wie sich ein kleines, hockendes Mädchen mit verbundenen Augen in eine gespielte, mafiatypische Hinrichtung fügt. Die Scharfrichter, zwei ebenso kleine Jungs, halten dem Opfer eine Spielzeugpistole ins Genick. Wie hier die grausame Welt der Erwachsenen aus blinder Schicksalsergebenheit und blutiger Machtausübung nachgeahmt wird, ist berührend.

Einen stillen Schrei hat die Fotografin Monica Biancardi eingefangen. Eingelassen in einen Fenster-Rundbogen in der bröckeligen Galeriewand, sieht man eine trauernde Witwe. Das Gesicht hinter einem Tuch verborgen, beweint sie ein Mafiaopfer. Zwar beteiligen sich auch Frauen am brutalen Geschäft von Camorra, Cosa Nostra oder `Ndrangheta, zählen also auch teilweise zu den Tätern. Ungleich öfter jedoch sind sie die Leidtragenden der Konflikte in dieser Männerwelt.

Ein wahres Gruselkabinett ist die »Wunderkammer« betitelte Installation von Sebastiano Deva. Das Stillleben »Santa Muerte«, bestehend aus Gucci-Tasche und Totenschädel, repräsentiert sowohl die Gewalt als auch das Geld – die zwei wichtigsten Säulen der Mafia-Herrschaft. Die wahnsinnige Mischung aus Killern, Kirche und Konservatismus bringt eine Fotostrecke zu einer Prozession der Selbstkasteiung auf den Punkt. Mit nägelgespickten Schwämmen fügen sich Maskierte Wunden zu, um sich von ihren Sünden reinzuwaschen. Laut Experten befinden sich unter den an den Ku-Klux-Klan erinnernden Kapuzen auch viele Mafiosi auf der Suche nach Erlösung. Verhaftet werden sie allerdings nicht – angeblich aus religiösem Respekt.

Laut Tacheles schlug die Ausstellung Wellen bis nach Italien. So habe sich die Partei Sivio Berlusconis, Popolo della Libertá (PDL), in Pressemitteilungen gegen diese »für Italien rufmörderische« Ausstellung gewandt, erklärt Kuratorin Barbara Fragogna. CAM-Chef Manfredi wiederum erregte Aufsehen, als er im Februar Kanzlerin Angela Merkel öffentlich um Asyl für sein Museum bat. Er habe es satt, wegen seiner Arbeit von der Mafia bedroht zu werden – in einem Land, das sehenden Auges sein kulturelles Erbe verfallen lasse. Merkel hat nicht reagiert – das Tacheles schon.

Bis 3. Juni, Kunsthaus Tacheles, Oranienburger Straße 54-56, Infos unter Tel.: (030) 282 61 85

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