21.05.2011 | Wiener Zeitung | Das haltbare Provisorium

May 21st, 2011  |  Published in Pressarchive

Das Kunsthaus “Tacheles” in der Oranienburger Straße in Berlin ist ein Bau, an dem sich die Geschichte des 20. Jahrhunderts ablesen lässt.

Es gibt nur wenige Gebäude, die für die führenden Institutionen deutscher Geschichte so vollständig und repräsentativ als Bühne dienten wie das Berliner Kunsthaus Tacheles. Inzwischen firmiert es in vielen Touristenführern als “Kulturruine”. Deren über hundertjährige Baugeschichte kennt man ganz gut. Die Nutzungsgeschichte ist jedoch nur oberflächlich und lückenhaft bekannt. Dabei wäre hier noch eine Menge spannender Geschichte und Geschichten zu heben! Fest steht nur, dass sich im heutigen “Tacheles” zu allen Zeiten durchgehend und ausnahmslos epochentypische Institutionen etabliert hatten.

Diese Jahrhundertruine ist aus Berlin-Mitte inzwischen nicht mehr wegzudenken. Sie ist fester Bestandteil der “Spandauer Vorstadt” mit ihren Galerien, Kulturveranstaltungen, Cafés, aber auch stillen, unfertigen Ecken. Umso mehr gilt es, über den weiteren Umgang mit dem besonderen steinernen Zeitzeugen nachzudenken und ihn samt seinen vielen Ateliers am Leben zu erhalten. Die Lenker und Organisatoren des Tacheles, die deutsche Journalistin Linda Cerna und der oberösterreichische Maschinenkünstler Martin Reiter, tun dies täglich.

Was macht das Gebäude nun im Einzelnen historisch so einmalig? Gehen wir die einzelnen Epochen durch. Das 20. Jahrhundert begann mit dem Aufstieg der modernen industriellen Konsumgesellschaft: Das Tacheles wurde als Kaufhaus erbaut. Es folgten die technikbegeisterten 20er Jahre. Der Elektrokonzern AEG machte es zum “Haus der Technik”. Danach quartierten sich nationalsozialistische Institutionen ein, die Deutsche Arbeitsfront (DAF) und das SS-Zentralbodenamt, der “Generalplan Ost”.

Die DDR indoktrinierte die Werktätigen und plante das neue Berlin: Der FDGB verwaltete das teilweise zerstörte Gebäude, in welches das regimetreueste Kino sowie der volkseigene Baubetrieb einzogen. 1990 atmete das Haus erneut Zeitgeist: Eine Bürger- und Künstlerinitiative samt “Rundem Tisch” verhinderte dessen endgültige Sprengung und gab der Ruine den Namen “Tacheles”.

Schließlich kamen die Touristen aus aller Welt und eröffneten die “globale” Epoche. Daher haben wir es mit einer Jahrhundertruine, einer Epochenruine in spannenden, aber mitunter ruinösen Zeiten zu tun.

Kathedrale der Waren

Der Berliner Bankier Otto Markiewicz plante ab 1906 ” . . . Berlin eine Passage zu geben, die sich würdig neben allen bestehenden der Welt sehen lassen kann”. Einen der als Torbögen ausgebildeten Eingänge kann man heute noch an der Ruine besichtigen. Markiewiczs Bauziel war, den damals aufstrebenden Warenhäusern ein Gegenmodell in Form des Genossenschaftswarenhauses zu präsentieren, also Spezialgeschäfte in seiner Passage ansiedeln, die alle dieselbe Infrastruktur nutzten. Die Architektin Michaela van den Drisch schrieb, diese “Friedrichstadtpassage” sei die “erste deutsche Shopping Mall” nach US-amerikanischem Muster gewesen. Es war der letzte große Galeriebau Europas und der letzte Versuch Preußens vor dem Ersten Weltkrieg, die USA beim Kaufhausbau einzuholen.

Doppelt so groß wie die wenige Jahrzehnte zuvor eröffnete Kaisergalerie, umfasste die Friedrichstadtpassage fünf Etagen, sieben Innenhöfe, mit eigener Rohrpost-Anlage und einem eigenen U-Bahn-Zugang. Im August 1908 wurde der sehr großzügig ausgestattete Konsumtempel eröffnet. Es handelte sich um eine der frühesten Stahlbetonkonstruktionen Berlins, und die fast 30 Meter Durchmesser aufweisende Kuppel war die erste Stahlbetonrippenkuppel ihrer Art. Beobachter erinnerten sich später: “Ungeheuerer Tamtam bei der Eröffnung. Sonderzüge aus Essen, Nürnberg, Danzig. Elektrische Reklame auf vielen Dächern.”

In der Eröffnungsbroschüre war zu lesen, dass künftige Generationen Kunde erhalten sollten “von dem kaufmännischen und werttätigen Streben, das im Anfange des zwanzigsten Jahrhunderts . . . obwaltete”.

Leider ging das Konzept des Konsumtempels nicht auf, die Ladenmieten spielten die Ausgaben nicht ein. Markiewicz “sah rechtzeitig die Situation” und verkaufte den Bau 1909 an seinen Konkurrenten Wertheim. Dieser formte ihn zu einem gewöhnlichen Kaufhaus um, das jedoch ebenfalls erfolglos blieb. Noch vor Kriegsbeginn 1914 wurde es zwangsversteigert. Den Zuschlag erhielt die Commerzbank AG. Offensichtlich gelang es der Bank in den Krisenjahren nach dem Ersten Weltkrieg nicht, das Gebäude zu vermieten. Erst 1928 änderte sich die Situa-tion.

Berlin war in den “sachlichen” und technikbegeisterten 20er Jahren zur “Elektropolis” herangewachsen. Sowohl der Siemens- als auch der AEG-Konzern hatten ihre Hauptsitze und wichtigsten Produktionsstätten in Berlin. 1928 mietete sich die AEG in der leerstehenden Friedrichstadtpassage ein. Gemeinsam mit der Commerzbank gründete die AEG eine Aktiengesellschaft namens “Haus der Technik”. Im anderen Gebäudeteil errichtete die Commerzbank rund um den Tresorkeller eine Depositenkasse. Aus dem Konsumtempel wurde ein Tempel der Technik. Im Juni 1929 wurde dort die “Ständige Ausstellung der AEG-Fabriken” eröffnet. In der Nacht kündete eine riesige Lichtreklame aus Moore-Licht (Neonlicht) den Weg.

Erklärtes Ziel war es, im “Haus der Technik” das “Gigantische der Technik” vorzuführen, indem die Besucher in mehreren Hallen mit einer Inszenierung von Maschinen, Geräten und Apparaten konfrontiert und beschallt wurden. An anderer Stelle heißt es, der Zweck des Hauses bestünde darin, zu belehren und “bei der Jugend das Interesse für die Technik wachzurufen”.

Im “Goldenen Saal” wurde der Nachbau einer Schiffskommandobrücke sowie das Schaltbild einer Nacht-Flugplatzbefeuerung vorgeführt. Im “Mahagoni-Saal” waren Bahnausrüstungen und eine elektrische Grubenlokomotive aufgestellt.

Im Vortragssaal liefen Filmvorführungen und Vorträge zu technischen, wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Themen, im Eröffnungsjahr wurde der erste Tonfilm gezeigt. Angeblich befand sich im Gebäude 1936 auch der Regieplatz der ersten Fernsehübertragung der Welt, (was allerdings noch zu verifizieren wäre). Monatlich kamen an die 12.000 Besucher ins Haus. Leider geriet die Ausstellung bereits im darauffolgenden Jahr in die Weltwirtschaftskrise. Nun sollte gezeigt werden, “dass die Technik trotz ihrer schweren wirtschaftlichen Krise neue Formen und Wege schafft”.

“Kraft durch Freude”

Ab Mitte der 1930er Jahre erhielt das Organisationsbüro der DAF des Robert Ley Räume in den Friedrichstadtpassagen. Die DAF war als NS-Nachfolgeorganisation der verbotenen Gewerkschaften geschaffen worden und führte die stramme Freizeit-Organisation “Kraft durch Freude”. 1941 ließ sich auch noch eine Filiale der SS-Dienststelle “Zentralbodenamt” im Tacheles nieder und organisierte von dort ihre Raub- und Vernichtungszüge im Rahmen des “Generalplan Ost”.

1943 veranstaltete das Ministerium für Bewaffnung und Munition des Albert Speer gemeinsam mit der für Nachrichtentechnik zuständigen Heeresabteilung, der AEG und Telefunken eine große Ausstellung zum Einsatz von Elektronenröhren an der Front. Leider wissen wir weder über die DAF-Filiale, noch über die Zentralbodenamt-Stelle, noch über die Röhrenausstellung viele Details. Schon im darauf folgenden Jahr wurde das Gebäude nämlich “mittelschwer” durch Brandbomben beschädigt.

1948 ging das Gebäude – oder Teile davon – in die Verwaltung des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes der DDR (FDGB) über. Doch ein Stück Technik blieb. Denn das teilweise zerstörte Haus beherbergte das DDR-Unternehmen RFT (Radio- und Fernsehtechnik), das sich dort Büros einrichtete. Möglicherweise wurden dort auch Radioröhren an Bastler verkauft. Im Laufe der Jahre nutzten die 1956 gegründete Artistenschule der DDR, die Fachschule für Außenwirtschaft und die Nationale Volksarmee das Gebäude. Über diese Zeit wissen wir gar nichts.

Der Vortragssaal diente ab 1958 dem Betrieb des linientreuen Kinos Oranienburger-Tor-Lichtspiele (OTL). Wieder strahlt das Tacheles im Zeitgeist und darf als Ort offizieller sozialistischer Filmkultur gelten. Und es spiegelte in einem 1964 im Gebäude gegründetem Kino, dem “Camera”, die politkritische Bewegung der siebziger Jahre wider.

Ab 1980 begannen staatliche Stellen mit der schrittweisen Sprengung des Gebäudes. Man wälzte große architektonische Bauvorhaben, denen die Halbruine im Weg war. Sie wurden (Gott sei Dank) nicht mehr durchgeführt.

Künstler und Touristen

Im April 1990 sollte auch der Gebäudeteil an der Oranienburger Straße gesprengt werden. Doch im Februar wurde das Haus von Künstlern aus Ost und West gekonnt illegal besetzt, die Dynamit-Trupps gestoppt und Transparente an der Fassade installiert. Der Verein “Tacheles” wurde aus der Taufe gehoben und meldete sich mit einer Multimedia-Ausstellung “Auferstanden in Ruinen” in der Öffentlichkeit. Ein neues Zeitalter brach an, jenes der Bürgerrechts- und freien Kunstbewegung. Es stieß, ähnlich wie das wenige hundert Meter entfernte, später ebenfalls besetzte “Haus Schwarzenberg” in der Rosenthalerstraße, dessen Trägerverein derzeit 15-jähriges Jubiläum feiert, auf nicht wenige Sympathien. Trotz einer Reihe von Investoren überlebte das Kunsthaus Tacheles an seinem heutigen, geschichtsträchtigen Ort.

Martin Reiter, der sanfte Kämpfer für die Eigenregie-Nutzung durch Künstler, erklärt in seinem oberösterreichischen Dialekt neben der Currywurstbude: “Ohne das Tacheles gäbe es heute das Galerienviertel in der Auguststraße nicht”. Dieses darf genauso wie die Jahrhundertruine in keinem Touristenführer fehlen. Was spräche dagegen, im Tacheles das ebenfalls von der Pleite bedrohte, weltweit einmalige, in Berlin bestehende “Archiv der Jugendkulturen” samt einschlägiger Dauerausstellung hier anzusiedeln und damit beiden gemeinsam ein Auskommen zu sichern?

Auch eine Dauerausstellung zur einmaligen Geschichte des Hauses wäre sinnvoll. Die Besucherströme dafür sind jetzt schon vorhanden. Heute besuchen täglich mehr Leute das Tacheles als zu Zeiten der AEG. Und manche Künstler beginnen die “Biographie” des Hauses auch schon zu reflektieren: 1991 installierte einer von ihnen an der Fassade des Hauses 5000 Glühlampen und erinnerte damit an die Zeiten, als es das elektrische “Haus der Technik” war.

Günther Luxbacher, geboren 1962 in Wien, ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Wissenschafts- und Technikgeschichte der TU Berlin.

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