9.5.2011 | Die Presse | Kampf um das Berliner Tacheles

May 9th, 2011  |  Published in Pressarchive

Das Kunsthaus in Berlin, Symbol der Hausbesetzer-Ära, ist längst ein Touristenmagnet. Nun soll das gesamte Areal entwickelt werden, Künstler bangen. Seit Monaten wird gegen die drohende Schließung protestiert. 09.05.2011 | 18:14 | Von unserer Korrespondentin EVA MALE (Die Presse)

Berlin. „Die Mauer muss weg“, tönt es vom Podium. „Die Mauer muss weg“, heißt es auf Transparenten. Eine streng bewachte Mauer, mitten in Berlin: Das hat natürlich einen ganz speziellen Beigeschmack. Sie steht seit drei Wochen im großen Torbogen des Tacheles – ein weiteres Zeichen dafür, dass die Tage des legendären Berliner Kunsthauses gezählt sein könnten. Seitdem die HSH Nordbank, Zwangsverwalterin des Areals, die Mauer hochziehen ließ, ist der direkte Zugang zu den Metallkünstlern hinter dem Tacheles versperrt, die Besucher müssen einen Umweg über die Oranienburger Straße und einen sandigen Pfad machen.

Das Biotop hinter dem Kunsthaus ist inzwischen plattgewalzt, vorbei die Zeiten der „Dünenlandschaft“ mitten in der Stadt, wo sich Frosch und Mensch Guten Tag sagten, bei einem kühlen Bier. Auch das Café Zapata, das Studio 54 und das Kino sind Geschichte. Sie sollen, so wie einige Künstler, mit einer stattlichen Summe herausgekauft worden sein, eine offizielle Bestätigung ist dafür nirgends zu bekommen.

Dem Kampf für den Erhalt des Kunsthauses tut das alles keinen Abbruch. Im Gegenteil: „Wir benützen die Mauer als Bühnenbild, um unser Tacheles-Theater zu machen“, erklärt Martin Reiter, Sprecher der Künstlergruppe und Organisator des Kulturbetriebs im Kunsthaus. Der 48-jährige Konzeptkünstler mit der wallenden Mähne, der aus Oberösterreich stammt, ist seit 1993 in Berlin und meist im Tacheles anzutreffen. Seit Monaten wird gegen die drohende Schließung protestiert, in immer schnellerem Takt finden sich Künstler und Sympathisanten zu Aktionen zusammen, zuletzt am vergangenen Samstag, als 500 Menschen ihrem Unmut Luft machten.

Grimmige Kaufhausruine mit Graffiti

„Niemand hat etwas dagegen, dass die Brache am Tacheles entwickelt wird“, sagt Reiter, „aber das Kunsthaus muss erhalten bleiben. In Wien würde auch niemand das Riesenrad im Prater wegreißen.“ Die Brache, das ist ein größeres Areal rund ums Tacheles, zwischen Friedrich-und Oranienburger Straße. Ein Immobilien-Filetstück von etwa 25.000 Quadratmetern, das die Nordbank im Paket verkaufen will; 35 Millionen Euro sind als Preis vorgeschlagen.

Mittendrin ragt grimmig die denkmalgeschützte Kaufhausruine in die Höhe, von außen ein wenig einer Geisterbahn ähnelnd. Übersät mit Graffiti und Plakaten im Inneren. Die großen Lettern „Do not piss over here“ haben wohl ihre Wirkung verfehlt. Kunst in verschiedenen Ausprägungen wird im und ums Tacheles gefertigt und zum Verkauf angeboten – Ramschiges und Rostiges, Kunsthandwerk, Skulpturen, Bilder.

Hoffnung auf grüne Bürgermeisterin

„Hier kannst du machen, was du willst“, erklärt der japanische Maler Takuya Kurihara (27), der seit dreieinhalb Jahren ein Atelier im Tacheles hat, „diesen Freiraum mag ich total.“ Darüber hinaus ist der nicht abreißende Strom von Besuchern dem Verkauf zuträglich. Kurihara hofft, „dass es mit dem Tacheles noch eine Weile okay geht“.

Das Kunsthaus, das in keinem Berlin-Führer fehlt, ist ein Mythos. In den vergangenen 20 Jahren hat es Hunderttausende von Touristen angezogen – die Berliner selbst frequentieren es weniger intensiv. Kurz nach dem Mauerfall, im Februar 1990, war das Gebäude von Künstlern besetzt worden. Der Vertrag, den Besetzer und Besitzer Ende der 1990er-Jahre schlossen – über eine symbolische Mark pro Monat –, lief vor zwei Jahren aus und wurde nicht mehr verlängert. Seither stand das Tacheles mehrmals vor dem Aus, doch irgendwie ging es immer weiter.

Die für Anfang April angesetzte Zwangsversteigerung wurde im letzten Moment abgesagt, laut Banksprecherin Gesine Dähn hat die HSH nur eine einstweilige Einstellung des Verfahrens beantragt, weil die Verhandlungen mit den „verschiedenen Bietinteressenten“ noch nicht abgeschlossen seien. Berlins Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) sagt, man wolle mit dem künftigen Investor über einen Erhalt des Tacheles als Kulturstandort sprechen. „Ein geharnischtes Spiel“, vermutet Reiter. Die Gerüchte verdichteten sich, dass der Bürgermeister gern die Bread-&-Butter-Modemesse im Tacheles sähe. Falls er nicht im Herbst von der Grünen Renate Künast abgelöst wird, worauf viele Tacheles-Unterstützer hoffen.

(“Die Presse”, Print-Ausgabe, 10.05.2011)

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