HISTORY

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Geschichtlicher Abriss 1907-2010

GESCHICHTE | HISTORY [english]

Friedrichstraßenpassage

Das Gebäude wurde 1907 bis 1908 in 15 Monaten unter der Leitung des kaiserlichen Baurates Franz Ahrens errichtet und 1909 als Kaufhaus mit dem Namen Friedrichstraßenpassage eröffnet. Der Gebäudekomplex zog sich damals von der Friedrichstraße bis zur Oranienburger Straße hin. Die Passage hatte an beiden Straßen Eingänge und verband diese miteinander. Die Friedrichstraßenpassage war zu dieser Zeit nach der Kaiserpassage die zweitgrößte Einkaufspassage der Stadt und der letzte große Passagenbau in Europa. Die Baukosten betrugen sieben Millionen Mark.

Bei dem fünfgeschossigen Gebäude handelte es sich um eine Stahlbetonkonstruktion, die sich mit einer der ersten Kuppeln aus diesem Werkstoff schmückte. Neben einer großen überdachten Passage befanden sich zahlreiche Geschäftsräume. Das Haus kann der frühen Moderne zugeordnet werden und enthält klassische und gotische Einflüsse. Der Komplex besaß ein eigenes Beförderungs- und Rohrpostsystem. Der noch heute verwendete Begriff „Zyklopenstil“ basiert auf einer damaligen Beschreibung des Komplexes.

Eine Aktiengesellschaft, bestehend aus mehreren Einzelhändlern, gab unter dem Initiator Otto Markiewicz den Bauauftrag für die Passage, um einen Marktvorteil durch den gemeinsamen Standort zu bekommen. Das Konzept sah vor, die Läden nicht strikt voneinander zu trennen, sondern ineinander überlaufen zu lassen und mittels einer zentralen Kassenstelle zu kontrollieren. Bereits im August 1908, ein halbes Jahr nach der Eröffnung, musste das Passage-Kaufhaus Konkurs anmelden. Der Komplex wurde von Wolf Wertheim angemietet, der 1909 erneut ein Kaufhaus darin eröffnete, das er bis 1914 halten konnte. Vor dem Ersten Weltkrieg wurde das Gebäude zwangsversteigert.

Wie das Gebäude zwischen 1914 und 1924 genutzt wurde, ist unbekannt. 1924 wurde neben weiteren Umbauten ein noch heute erhaltener Tiefkeller (bei einem späteren Gutachten auch Tresorraum genannt) eingebaut und die Deckenhöhe der Passage mittels einer Stahl-Glas-Konstruktion auf die Höhe der Ladengeschäfte heruntergezogen, wodurch der Gesamteindruck der Halle komplett verändert wurde.

Haus der Technik

Das Gebäude wurde ab 1928 von der AEG genutzt und fortan von der Inhaberin, der Berliner Commerz- und Privatbank, als Haus der Technik bezeichnet. Die AEG nutzte die Räumlichkeiten, um Produkte vorzustellen und Kunden zu beraten. Das vorherige Schau- und Verkaufsgebäude der AEG in der Luisenstraße 35 war am 15. September 1927 bei einem Brand zerstört worden. Die neuen Räumlichkeiten wurden mit einer Fläche von 10.500 m² und 20 Schaufenstern genutzt. Ende der 1930er-Jahre fand hier die weltweit erste Fernsehübertragung statt.

Nutzung durch die Nationalsozialisten

Anfang der 1930er-Jahre wurde das Haus zunehmend von NSDAP-Mitgliedern genutzt. Mitte der 1930er-Jahre zog die Deutsche Arbeitsfront mit Büros für den Gau Kurmark in das Gebäude und wurde 1941 auch Eigentümerin des Gebäudes. Zur gleichen Zeit zog auch das Zentralbodenamt der SS dort ein.

1943 wurden Dachoberlichter geschlossen und die entsprechenden Dachreiter entfernt, weil französische Kriegsgefangene im Dachgeschoss untergebracht werden sollten. Während der Schlacht um Berlin wurde der zweite Tiefkeller von den Nazis  geflutet und steht noch heute unter Wasser. Während des Zweiten Weltkrieges erlitt das Gebäude starke Schäden, ein großer Teil des Komplexes blieb jedoch gut erhalten.

Nutzung in der DDR

1948 wurde das Haus vom Freien Deutschen Gewerkschaftsbund (FDGB) übernommen und verwitterte im Laufe der Jahre zunehmend. Vorübergehend zogen verschiedene Einzelhändler und Handwerksbetriebe, besonders auf der Seite der Friedrichstraße, in die Ruine. Das Deutsche Reisebüro nutzte den schnell und provisorisch wieder hergestellten Passagentrakt und einige obere Stockwerke. Des Weiteren waren im Gebäude unter anderem eine Artistenschule, eine Hundeschuranstalt, die Fachschule für Außenwirtschaft und Büroräume von RFT untergebracht. Die Tresorräume des Kellergeschosses nutzte die Nationale Volksarmee. 

Im Torbau an der Friedrichstraße residierte zunächst das Kino Camera, konnte diese Räumlichkeiten wegen des schlechten Bauzustandes Ende der 1950er-Jahre aber nicht mehr nutzen und ließ daraufhin 1958 den ehemaligen Vortragssaal der AEG ausbauen, der später unter dem Namen OTL (Oranienburger Tor Lichtspiele) wiedereröffnet wurde. Während der Umbauarbeiten wurde die Fassade teilweise verändert und ein Vorraum als Kassenbereich gebaut sowie die Decke zu Gunsten eines Treppenhauses umgebaut. Dieses bildet den heutigen Eingangsbereich. Der Kinosaal wird auch heute als Theatersaal genutzt. Nach einem weiteren Umbau des Kinos 1972 wurde dies wieder in Camera umbenannt.

Teilabriss

Haupt-Treppenhaus im Tacheles

Obwohl das Gebäude während des Zweiten Weltkrieges nur mittelmäßig beschädigt wurde, sollte es auf Grund zweier Statikgutachten aus den Jahren 1969 und 1977 abgerissen werden, da es trotz intensiver Nutzung nie zu einer Sanierung gekommen war. Eine neue Straße sollte über das Gelände verlaufen und eine Abkürzung zwischen Oranienburger Straße und Friedrichstraße bilden.

Der Abbau begann 1980. Zwei Jahre später wurde das Kino geschlossen und der noch komplett erhaltene Kuppelbau gesprengt. Der noch heute stehende Teil sollte laut Plan im April 1990 abgebaut werden.

Künstlerinitiative Tacheles

Kurz vor der planmäßigen Sprengung wurde der noch stehengebliebene Rest des Gebäudes am 13. Februar 1990 von der Künstlerinitiative Tacheles besetzt. Durch Verhandlungen mit der Baudirektion Berlin-Mitte, die als Rechtsträger für den Komplex zuständig war, und unter Berufung auf Denkmalschutz versuchten die Besetzer, den Abriss zu verhindern. Trotzdem sollte das Haus laut Magistratsbeschluss 150/90 am 10. April 1990 gesprengt werden, worauf die Besetzer beim Berliner Runden Tisch einen Dringlichkeitsantrag stellten, der den Abriss vorläufig stoppen konnte.

Die Künstlerinitiative ließ ein neues Gutachten zur Bausubstanz und Statik erstellen. Auf Grund des positiven Ergebnisses wurde das Haus zunächst vorläufig unter Denkmalschutz gestellt, der nach einem weiteren Gutachten vom 18. Februar 1992 bestätigt werden konnte.

Das Gebäude wurde bunt bemalt, aus Schutt wurden verschiedene Skulpturen errichtet. Durch unterschiedliche Auffassungen der Künstler aus Ost- und Westdeutschland entstanden anfangs viele Kontroversen. Mittlerweile hat sich der Komplex, der vom Tacheles e.V., Gruppe Tacheles und Pro Tacheles betrieben wird, zu einem festen und großen Kunst-, Aktions-, Veranstaltungs- und Kommunikationszentrum in Berlin entwickelt. In dem Gebäude befinden sich unter anderem ca. 30 Künstlerateliers, Ausstellungsflächen und Verkaufsräume für zeitgenössische Kunst, ein Programmkino sowie die sogenannte „Panorama-Bar“. Der „Blaue Salon“, ein 400 m² großer Raum, wird hauptsächlich für Konzerte, Lesungen etc. genutzt. Der „Goldene Saal“ umfasst die gesamte erste Etage des Tacheles – hier befindet sich eine Bühne, die mittlerweile ein wichtiger Spielort für die Off-Theaterszene und vor allem für die freie Tanzszene in Berlin ist. Zu den Künstlern und Institutionen, die im Goldenen Saal bislang Aufführungen gezeigt haben, gehörten unter anderem Orphtheater, Theater zum westlichen Stadthirschen, Henry Arnold, Régine Chopinot, Rike Eckermann, Sebastian Hartmann, Howard Katz, Clint Lutes, Matthias Merkle, Tomi Paasonen, Felix Ruckert, Torsten Sense, Lars-Ole Walburg, Sasha Waltz, Christoph Winkler, wee dance company, Deutsches Symphonie-Orchester Berlin und Lucky Trimmer.

1996 und 1997 wurde mit Politikern, Soziologen und Architekten sowie den Künstlern im Rahmen der Diskussionsrunde Metropolis Berlin, Hochgeschwindigkeitsarchitektur öffentlich über den Erhalt und die zukünftige Nutzung des Komplexes diskutiert. 1998 erwarb die Fundus-Gruppe für 2,8 Mio. DM das 1.250 m² große Grundstück. Sie beauftragte den Amerikaner Andrés Duany mit einem Entwurf des Quartier am Johannishof mit einem Bauvolumen von geschätzten 400 Mio. Euro, für das sich bisher jedoch keine Investoren fanden.

Der Tacheles e. V. handelte in der Folge einen Mietvertrag mit dem neuen Eigentümer aus, der bis zum 31. Dezember 2008 galt. Als eher symbolische Mietzahlung wurde eine Mark (50 Cent) pro m² pro Monat vereinbart. Nach dem Auslaufen des alten Mietvertrags konnte bisher kein neuer ausgehandelt werden. Da der Verein die geforderte Nutzungsentschädigung von 108.000 Euro nicht aufbringen konnte, meldete er Ende 2009 Insolvenz an. Ein Gläubiger der Grundpfandrechte, die HSH Nordbank, strebt im Zuge der Verwertung des Areals die Zwangsversteigerung an[4] und verfügt über einen gültigen Räumungstitel.

1907-1945 | Historic Photos

1945-1980 | Historic Photos

Around 1980 | Demolition

5.6.1990 | taz | Das „Tacheles” ist den Skins ein Dorn im Auge

Multinationales Kulturzentrum in Berlin wurde am Wochenende zur Zielscheibe eines brutalen Überfalls von Neonazis / Mit „Sieg Heil!„-Rufen, Eisenstangen und Mollis gegen die Besucher eines Cafes in dem besetzten Haus / Auseinandersetzungen auch im Stadtbezirk Friedrichshain

Berlin (taz) – „Die Skins kommen!” Dieser Ruf schreckte die knapp dreißig Besucher des Kunsthauses „Tacheles” in der Nacht von Freitag auf Samstag auf, kurz nachdem es zwölf geschlagen hatte. Für die Künstler, ihre Bekannten und einige Gäste, die sich im Cafe des besetzten Gebäudes Oranienburger Straße /Ecke Friedrichstraße aufhielten, war es nicht der erste derartige Überfall. Eilends schlossen und verbarrikadierten sie die Stahltür zum Hinterhof, einem Schutt- und Baugelände, wo sich die Angreifer sammelten. Wie ein Augenzeuge berichtete, gelang es dem knapp fünfzig Personen starken Trupp jedoch, die Tür aufzubrechen. Sie stürmten mit Eisenstangen, Baseball-Schlägern, Knüppeln und Molotow-Cocktails bewaffnet und unter Rufen wie „Sieg Heil!” oder „Hooligans!” in den Raum. Die Anwesenden rannten durch den Vorderausgang auf die Straße.

Einem jedoch gelang es nicht zu entkommen. Er flüchtete in einen Abstellraum, wo er schwere Verbrennungen erlitt, als die Angreifer Mollis hinter ihm herwarfen. Der junge Maler droht nun zu erblinden. Eine Frau schützte sich mit dem Arm, als einer der jungen Männer sie mit einer Eisenstange auf den Kopf und bewußtlos schlug. Sie erlitt eine leichte Schädelverletzung; ihr Daumen zersplitterte. Zwei weitere Personen wurden ebenfalls verletzt. Bei den Angreifern, so der Augenzeuge weiter, handelte es sich um junge Männer zwischen 20 und höchstens 25 Jahren in der für Skins typischen Kluft: Bomberjacken, Springerstiefel, Glatze.

Und die Polizei? Nach Angaben des Zeugen standen zu Beginn des Überfalls zwei Fahrzeuge mit vier Polizisten vor dem Gebäude, die jedoch nicht eingriffen und sichtlich Angst gehabt hätten. Er selbst habe sie fünfmal aufgefordert, den Schwerverletzten in ein Krankenhaus zu bringen, was dann schließlich auch geschehen sei. Die Polizisten hätten sich immer wieder dafür entschuldigt, daß sie nichts tun könnten. Schließlich rückte Verstärkung an, 15 Wagen der Volkspolizei und Bereitschaftspolizei, die erst in ganz Berlin hätten zusammengezogen werden müssen, wie es im Präsidium hieß. Als sie anrückten, waren die Angreifer freilich schon wieder auf dem Heimweg. Vier oder fünf Personen wurden festgenommen. Gegen sie läuft jetzt ein Ermittlungsverfahren wegen „Rowdytums”.

Der Überfall war bereits der vierte auf das multinationale Kulturzentrum in der Oranienburger Straße. Die Nutzer des Hauses hatten damit gerechnet, am Samstag nach dem Pokalfinale Schwerin gegen Dresden erneut zur Zielscheibe von Angriffen zu werden. Während des Spiels wurden zwar zwei Personen festgenommen, auch tauchten organisierte Trupps im Stadion auf und lieferten sich Katz- und Maus-Spiele mit der Polizei, doch kam es im Anschluß nicht zu Auseinandersetzungen. In Friedrichshain allerdings sammelten sich in den Abendstunden zwei- bis dreihundert ebenfalls mit Baseballschlägern und Stangen ausgerüstete vermummte Skins und lieferten sich eine Straßenschlacht mit der Polizei, die zum Schutz der besetzten Häuser in der Mainzer- und Kreutziger Straße eingesetzt worden waren. Nach Angaben des Polizeipräsidiums wurden dreißig Personen festgenommen, darunter zwei Bundesbürger und ein Westberliner. Gegen drei wurde ein Ermittlungsverfahren eingeleitet. Als Motiv hätten die 16 bis 19jährigen angegeben, sie fühlten sich zu den Faschos hingezogen und würden deshalb gegen die autonomen Linken vorgehen. Die Besetzer der beiden Häuser hatten nachmittags ein Straßenfest veranstaltet, für das mit zahlreichen Plakaten geworben worden war.

„Das größte Drama ist, daß man nicht weiß, was man machen soll”, kommentierte der Zeuge des Überfalls auf das Kunsthaus Tacheles die Überfälle der Skins. „Man kann nicht eine Frau mit einem Eisenrohr schlagen, in der Annahme, daß nichts passiert”. Er rechnet damit, daß sich die Leute in den besetzten Häusern gegen derartige Angriffe zur Wehr setzen und nun zu den „härtesten Mitteln der Verteidigung notfalls auch Eisenstangen und Mollis” greifen werden.

1990 | Tacheles

11.9.1990 | taz | »Voneinander lernen«

Besetzer Ost rufen zur Neuorientierung auf/ Heute wollen sich Ostautonome im Kunsthaus Tacheles zu einer ersten Lagebestimmung treffen

Ost-Berlin. Offensichtlich scheint sich in Ost-Berlin eine Differenzierung in der Besetzerszene abzuzeichnen. In einem der taz vorliegenden Aufruf wenden sich dem Kunsthaus Tacheles nahestehende Besetzer gegen »westliche Vormundschaft«. Dies sei, so der Aufruf, »ein Zustand, der sich durch alle Bevölkerungsschichten in gleichem Maße zieht«. Mit eindringlichen Worten wenden sich die Verfasser des Papiers gegen die Zunahme von Gewalt auch in der autonomen Szene: »Wir lassen uns nicht weiter mit Randale- und Schlägertrupps über einen Kamm scheren. Faschos und Nazis kriegen durch Randale und Gewalt einen Fuß in unsere Tür. Laßt die rechten links liegen, kämpft mit Geist und Verstand, und schafft eine neue Alternative zur Gewalt, bevor diese sich gegen uns selbst richtet.«

Die Verfasser des Aufrufes, die — selbst Opfer eines Faschoüberfalls — schon vor einiger Zeit versuchten, mit Rechtsradikalen in eine politische Diskussion zu treten, um Gewalt zu verhindern, gehen dann auf die verunglückte »Antifaschistische Demonstration« in der Weidlingstraße ein: »Autonome der DDR — in der Weitlingstraße gab es 19 verletzte antifaschistisch gesinnte Polizisten, ein Werk das jedes Faschisten würdig wäre. Wollten wir das? Die Verhandlungen in unseren Häusern stagnieren, weil nicht wir das Wort führen, sondern Wessis dem Besetzerrat vorsitzen, die sich sinnlos streiten, anstatt endlich Ergebnisse zu erzielen.« Die Konfrontation zwischen und Ost- und Westbesetzern gehe mittlerweile »so weit, daß Westautonome Ostautonome verprügeln«. Die Verfasser des Aufrufs fordern daher die »Neugründung von Verhandlungsgremien unter Führung von Ostautonomen.« Die Westautonomen werden aufgefordert, sich den Ostlern anzuschließen, deren andersartige Erfahrungen des Widerstandes jedoch zu akzeptieren. »Wir können nur voneinander lernen, wenn wir uns gegenseitig akzeptieren«, heißt es abschließend in dem Papier.

Heute um 20 Uhr soll im Kunsthaus Tacheles ein Treffen aller Interessierter stattfinden, um »neue Verhandlungs- und Beratungsgrundlagen zu finden«. ok


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