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Protokoll MVV 8.12.2001

MVV Protokoll 23.03.2002. Die letzten unangefochtenen Vorstandswahlen.

Tacheles e.V. Satzung vom 23.03.2002

Mai 2002. Mathew D. Rose begründet seinen Rücktritt vom Vorstandsamt

Mai 2002. Cafékonflikt Files.

In einer öffentlichen Stellungnahme von 2002 berichtet Ragna Strohauer, Partnerin von Tacheles e.V. Vorstand Martin Reiter, vom Aufbau der Vereinsbar. Hier kündigt sich bereits ein schwerer Konflikt zwischen der Crew um Zapata-Gastronom Ludwig Eben und dem Tacheles e.V. an. Strohauer schlägt sich auf die Seite des Vereins. Sie schreibt:  »Leider, leider, leider ist mir zu Ohren gekommen (mit mir persönlich redet keiner!), dass es doch eine kleine Gruppe von Mitgliedern [des Tacheles e.V.] gibt, die diese Bar als Konkurrenz sehen und deshalb dagegen sind. Da diese Bar eine ganz andere Bar als jede Bar im Haus ist und sehr eigene Events hat, kann ich diese Geisteshaltung nur bedauern uns als kurzsichtig ansehen. Gegen diese Bar sein heißt, dagegen sein, dass der Verein Geld verdient = also eher vereinsschädigend«. Sie wirft den Bar-Gegnern aus dem Zapata »Missgunst« vor.

»Der heutige Konflikt schwelte schon von Anfang an unter der Oberfläche. Jeder hat sein unterfinanziertes Süppchen gekocht und gesehen, dass das Zapata fast der einzige wirtschaftlich funktionierende Betrieb im Haus ist. Das führte zu Neid« meint hingegen spiegelbildlich Alex Boese, ein Tacheles-Künstler, der im Zapata als DJ arbeitet. Eben habe »immer mehr Geld erwirtschaften« wollen, heißt es  – wiederum spiegelbildlich – 2010 auf Facebook-Seiten das Vereins: »Auf Kosten der Kunst und des Kunstraums« habe er »immer mehr Macht« gewollt: »Der Verein musste sich immer wieder fragen, ob er ein internationales Kunsthaus sein möchte, oder ein Rentnerverein ehemaliger Künstler«.

Einst hatten Strohauer und Reiter selbst als Tresenkräfte im Café Zapata angefangen. »Wir waren Freunde. Wir haben uns umeinander gekümmert« erzählt Katrin Maßmann, Partnerin von Eben. Heute bekämpfen sie sich bis aufs Blut. Reiter und Strohauer werfen Eben und seinen Leuten in öffentlichen Aushängen Stalking, Gewalt und Betrug vor. Miete und Betriebskosten ans Tacheles zahlt Eben schon seit 2002 nicht mehr. Sein minderjähriger Sohn ist von Martin Reiter als Crack-Dealer angezeigt worden, erzählt er der B.Z. Über 150 Prozesse haben sie gegeneinander geführt. Über 300.000€ Gerichtskosten. Wie konnte es soweit kommen?

Als Martin Reiter 1999 als Mitglied in den Vorstand gewählt wird, scheint alles in Butter: Ein zehnjähriger Mietvertrag mit symbolischem Mietzins ist seit 1998 unter Dach und Fach, die Professionalisierung der Strukturen in Angriff genommen. Eben setzt auf den Freund im Vorstand. Doch die Zeiten werden härter: Das Haus wird vom Vermieter saniert, fast zwei Drittel der Künstler müssen gehen. Mieteinnahmen des Vereins – seine hauptsächliche Finanzierungsgrundlage – und Besucher brechen weg. Das regelmäßige Montagsplenum schläft allmählich ein. Schleichend stirbt die innere Kommunikation. Zugleich ist die wirtschaftliche Existenz des Hauses bedroht.

»Als Reiter klar wurde, dass er für Schulden des Vereins in der Haftung steht, kriegte er Schiss« meint Katrin Maßmann. Heute macht sie Booking und PR für das Zapata. Damals leitete sie das Tacheles-Theater. »Doch Reiter erklärte das Theater mit einem missbrauchten Peymann-Zitat für tot. Ihm war das zu teuer und zu viel Stress, trotz staatlicher Förderung« erzählt sie. Sie müsse sich nicht so aufspielen, wird ihr erklärt, das Theater werde untervermietet. Maßmann und Eben sind entsetzt: Der Vorstand könne nicht einfach eine künstlerische Kernkompetenz abschaffen.

Doch noch ein letztes Mal hilft Eben dem Verein. Er fädelt einen Brauereikredit ein, rund 260.000 DM für den Verein, 340.000 DM für das Zapata. Als Gegenleistung soll der Verein – bis auf die Theaterbar und Ausstellungsbewirtung – auf Gastro verzichten. Er selbst saniert vom Geld das Zapata. Doch der Verein hat offenbar Schwierigkeiten, den Verbindlichkeiten gegenüber der Binding-Brauerei nachzukommen und öffnet weitere Schankstätten. Reiter und seine Partnerin Ragna Strohauer jobben inzwischen in einer eigenen Bar. Eben protestiert.

Der Vorstand reagiert. »Ende 2001 fand eine obskure Mitgliedervollversammlung statt. Einige Vereinsmitglieder werden ausgeschlossen, während plötzlich FreundInnen, Reinigungskräfte und Bekannte des Vorstands im Verein auftauchen«, erzählt Boese – das MVV-Protokoll bestätigt die hohe Fluktuation. Die von Eben geforderte Vorstandsneuwahl wird verschoben. »Die Gewerbetreibenden glaubten, sie könnten ein bisschen mehr Einfluss haben auf die Vorgänge im Verein, weil sie ja Miete zahlen. Sie konnten sich mit einfachen Abstimmungen nicht anfreunden, wenn ein Ergebnis nicht ihren Wünschen entsprach« heißt es dazu vom Verein auf Facebook.

Mitstimmen durften die Gewerbetreibenden, also Eben und seine Crew, ohnehin nicht: »damit die Kunst keinen geschäftlichen Interessen zum Opfer fällt. Die Gewerbetreibenden bekamen also keine Macht über den Verein« heißt es auf Facebook. Eben: »Nur weil einer das Geld mitbringt, soll er an demokratischen Prozessen nicht teilnehmen dürfen. Es kann nicht Sinn eines gemeinsamen Vereins sein, dass eine Gruppe das von einer anderen Gruppe  erarbeitete Geld ohne demokratische Kontrolle ausgeben darf«.

Im März 2002 kommt es doch noch ein letztes Mal zu erfolgreichen Vorstandswahlen – alle späteren Wahlversuche scheitern an gegenseitiger Blockade. Die meisten Stimmen erhält Matthew D. Rose, der für einen Kompromisskurs steht. Mit im Vorstand: Martin Reiter, Jürgen Weih, Henning Gruner, Steffi Schulz und Katrin Maßmann. Matthew D. Rose ist optimistisch: »Ich war überzeugt, dass Tacheles auf dem besten Weg war, neue Wege einzuschlagen. Es schien nur ein letzter Schritt zu fehlen, um alte Streitigkeiten auszuräumen«. Doch durchdringen konnte er nicht:  Bei Vorstandssitzungen wurden ihm und Maßmann immer wieder vollendete Tatsachen präsentiert, gar verschleiert – so berichtet D. Rose in seiner Rücktrittsbegründung. Auch die Vermietung von weiteren Tacheles-Flächen an Gastro-Betriebe wird ohne sie beschlossen.

»Meine erste, naive Frage war: Was hält das Zapata davon?« berichtet D. Rose. Konflikte sind vorprogrammiert, denn das Zapata steht in der Haftung für aufgenommene Brauerei-Kredite und soll gleichzeitig das Haus mitfinanzieren. D. Rose versucht den Verein zu überzeugen: »Unnötigen Streit mit dem Verein braucht die Kneipe nicht. Sie müssen jetzt Geld verdienen. Das wollen alle Mieter. Statt gegen sie zu kämpfen soll der Verein schauen, wie es den Mietern gut geht und damit auch dem Haus und Verein«.

»Um den Konflikt beizulegen, wurden Gespräche am runden Tisch anberaumt. Nach kurzer Zeit hat Martin Reiter empört den Raum verlassen« erzählt Alex Boese. Es ließ sich nichts mehr machen: »Im Vorstand wurde ich mit einem zwanghaften Hass gegen die Kneipe, besonders gegen Ludwig konfrontiert, was eine Lösung unmöglich machte« heißt es von D. Rose. Er tritt nach wenigen Wochen zurück. Der Streit eskaliert weiter.

»Als keine Verhandlungen mehr möglich schienen, bot ich Reiter schließlich an, das Zapata an einen Nachmieter, der einen Abstand für die Sanierung zahlen sollte, weiter zu geben. Doch er meinte, dass könne sich der Verein gar nicht leisten«. Eben ist alarmiert: Wenn der Verein eine Weitergabe an einen Nachmieter und die Beilegung des Konflikts ausschließt, kann das nur heißen, dass er sich das Zapata unter den Nagel reißen will. Ohne Entschädigung, denn eine solche ist im Mietvertrag nicht vorgesehen.

Die Anzeichen für einen Übernahmeversuch mehren sich. Betriebskostenabrechnungen schnellen ohne erkennbare Ursache in die Höhe. »Erst machen sie dich pleite, dann klagen sie dich raus«, vermutet Eben und stellt im Mai 2002 die Mietzahlungen ein. »Niemand hat dir geraten, auf eigene Kosten zu bauen. Niemand hat Schuld am Ruin des Cafés außer Dir selbst« schreibt ein Mitstreiter Reiters in einer erbosten Mail an Eben.

Vorstandsmitglied Jürgen Weih ist Anwalt: Er will die Auseinandersetzung juristisch klären. Eben wird auf Mietzahlung und Räumung verklagt. Erfolgreich. Bleiben kann er nur, weil nicht er allein das Zapata betreibt, sondern eine GbR dreier Gesellschafter. Weitere Klagen scheitern. Auch gegen Wasser- und Energie-Abschaltung setzt sich Eben erfolgreich zur Wehr. Gegen konkurrierende Barbetriebe erwirkt er 2002 eine einstweilige Verfügung: Es fehlt die kostspielige Schankgenehmigung. »Fadenscheinige Gründe und ein frecher Anwalt halfen ihnen dabei« heißt es vom Tacheles e.V.

Quellen und Originaldokumente sind in der Redaktion einzusehen. Auf Wunsch von Martin Reiter und Ragna Strohauer sind die Scans online nicht zugänglich.

Mai 2003. Chronologie des Konflikts mit dem Zapata aus Sicht des e.V.-Vorstands

Mai 2003. Ermittlungen wegen Untreue gegen den Vorstand des Tacheles e.V.


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