HISTORY

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8.1.1994 | taz | Dankenswerte Leerstelle im Zentrum

Gegen die Kastration: Kunst, die im Tacheles produziert wird, erschiene in genormten Ateliers unfreiwillig komisch

So ganz sicher ist man sich im Zuge der stündlich wechselnden Informationen zwar nicht, aber: Es scheint, als wäre das Tacheles noch einmal davongekommen. Der Plan der Oberfinanzdirektion Berlin, das Kunsthaus nach Prenzlauer Berg zu verlegen, sei, so heißt es, am Widerstand des Kultursenators gescheitert. Ob damit die drohende Abwicklung vom Tacheles und dem dort ansässigen Kunst- und Kulturverein abgewendet wurde, steht allerdings auf einem ganz anderen Blatt.

Einen Tag nach Bekanntwerden des Vorhabens der Oberfinanzdirektion zauberte Kultursenatssprecher Klemke einen neuen, bislang unbekannten Investor hervor, der das Projekt einer Geschäftspassage zwischen Oranienburger und Friedrichstraße gemeinsam mit der schwedischen Skanska-Gruppe realisieren will und angeblich bereit ist, das Tacheles in seiner jetzigen Form zu erhalten.

Der bisherige Plan von Skanska war, das Gebäude zu sanieren und dann zu einem Preis von etwa 10 Mark pro Quadratmeter an die KünstlerInnen zu vermieten. Wie schnell ein solches Modell kippen kann, hat die Geschichte der Pankehallen an der Osloer Straße bewiesen. Der Gebäudekomplex mauserte sich vom besetzten Kulturzentrum zum luxuriös eingerichteten Atelierhaus. Die Mieten können sich nur noch KünstlerInnen leisten, denen ein finanzstarkes Stipendium von Staat und Industrie unter die Arme greift.

Im Falle des Tacheles steckt der Teufel in den städteplanerischen Details. Denn auch der Entwurf des von Skanska beauftragten Berliner Architekten Joseph Paul Kleihues sieht vor, die bunte Ruine an die neue Nachbarschaft, eine 30.000 Quadratmeter große Einkaufspassage, anzupassen und in eine glitzernde Kreation aus Stahl und Glas zu verwandeln. Von dem Kunsthaus in seiner jetzigen Form bliebe nach dem Umbau nicht mehr viel übrig.

Man muß kein Anhänger des Tacheles sein, um zu wissen, daß eine Domestizierung des Umfeldes der dortigen Kunst diametral entgegensteht. Noch wird im Tacheles geschweißt, gehämmert und geschmiedet, probiert und inszeniert, wie es gerade paßt. Die Malerei ist wild, expressiv, ungebärdet, der Ausdruck bisweilen grob, aber immer direkt, und meistens aus dem Bauch heraus. Solche Kunst macht man nicht in Sonntagskleidern und ebensowenig in einem Kleihues-Bau. Nicht selten wirken die Resultate, als seien sie aus einer Symbiose mit dem Gebäude hervorgegangen, als habe man den Schrott für die Plastiken direkt aus dem Keller geholt.

Keine Idee ist zu verrückt, um nicht realisiert zu werden. Ein Ikarus-Bus, schräg in den märkischen Sandboden gerammt? Bitte sehr. Eine „Rakete” aus rostigen Stahlplatten zusammenbauen, die ausschaut wie ein riesiges Straußenei auf Stelzen? Wird gemacht. Tacheles-Kunst ist Großstadtkunst, da wird nichts vertuscht und glattgebügelt. Was drin ist, muß raus. So betrachtet sind die Tacheles- KünstlerInnen, zumindest die meisten davon, die legitimen NachfolgerInnen der Expressionisten der Brücke, und die haben schließlich auch nicht in Klein-Klöthen gelebt. Auch in Köln/Mülheim oder in Hamburgs Kampnagel-Fabrik hat sich die seitdem selbst von der Groß-Kultur bejubelte Malerei der „Neuen Wilden” aus solchen Ruinen, als Widerstand zum schönen Schein der Einkaufspassagen entwickelt. Würde man diese Kunst an irgendeinen entlegeneren Ort verpflanzen, in ein brav nach DIN-Norm renoviertes Haus, sie wäre kastriert, ihrer Existenzgrundlage beraubt und erschiene unfreiwillig komisch.

Die Vielfalt, für die das Tacheles steht, ist nicht von vornherein eine Berliner Spezialität. Man findet sie in Köln, München, Hamburg und wohl einem weiteren Dutzend bundesrepublikanischer Städte. Berlin ist einzigartig deshalb, weil hier die Vielfalt unmittelbar und ungeschminkt ins Auge springt: Im Zentrum der Stadt funktioniert das Tacheles samt dem skulpturalen Schrottplatz vor der Tür wie eine dankenswerte Leerstelle im Stadtbild. Das Ausland sieht darin schon fast einen Mauer-Ersatz, mit dem auch die Ex-Olympia-GmbH unter Betonung des Schmuddel-Images warb.

Wenn Berlin nicht zu einem langweiligen Mittelklasse-Dorado verkommen möchte, sollte man akzeptieren, daß hier die Brüche und Kanten eben nicht abgeschliffen werden. Ein Stadtzentrum braucht Anziehungspunkte und Gegensätze, wenn es sich nicht nach Ladenschluß in eine Wüste verwandelt will, oder in eine Pflegestation für die Happy-few, die in der Staatsoper ihre Freunde treffen gehen. Wer ja sagt zum Tacheles, muß sich über die Konsequenzen im klaren sein. Kompromisse kommen nicht in Frage. Allein aus ästhetischen Gründen. Ulrich Clewing / Harald Fricke

1994 | Tacheles

1994 | Tacheles | Installation „Airbus“ von Uwe Keßler, Ludwig Eben und Tom Sojka

Die Installation „Airbus“ von Uwe Keßler, Ludwig Eben und Tom Sojka von 1994. Auch der Untertitel des Kunstwerks spricht für sich: „Aufschwung Ost steckt fest – von der Realität zur Hysterie.

23.6.1994 | taz | Kaum 3 Autobahnkilometer teuer

Alles in Butter mit der Zukunft des Tacheles? Trotz eines kulanten Angebots der neuen Investorgruppe
Fundus mag man es nicht so recht glauben: Senat und Oberfinanzdirektion mauern   Von Ulrich Clewing

Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt – von der Achterbahnfahrt der Gemütszustände können die MacherInnen des Tacheles wieder mal ein Lied singen. Einerseits scheint es so, als sei eine gütliche Einigung über den Fortbestand der inzwischen berühmten Kunstruine greifbarer denn je.

Nach Scheitern der Verhandlungen mit der schwedischen Finanzgruppe Skanska vor einem halben Jahr gibt es ja einen neuen Investor, der starkes Interesse an der Bebauung des Brachlandes rund um das Tacheles hat und potent genug ist, ein solches Vorhaben seriös zu finanzieren. Dieser Investor will das Tacheles – anders als Skanska – ohne Wenn und Aber akzeptieren: Fundus aus Köln, angeblich der größte Anleger in Berlin.

Wie erst kürzlich bekannt wurde, hat Fundus dem Senat Anfang März ein Angebot gemacht, das sich sehen lassen kann: Dem Tacheles werden fünf Jahre mietfreier Betrieb gewährt, währenddessen wird das Gebäude abschnittsweise saniert, so daß das Kunsthaus nicht – wie noch von Skanska vorgesehen – für etwa zwei Jahre komplett schließen müßte. Anschließend soll die Miete, angefangen bei fünf Mark, alle fünf Jahre um fünf Mark pro Quadratmeter steigen. Darüber hinaus ist geplant, den Künstlern die gewünschte Freifläche zwischen den Neubauten und dem Tacheles zuzugestehen, ebenso wäre der Anteil an Wohnbebauung deutlich höher als bisher.

Also alles in Butter? Das Fundus-Engagement sei „sehr positiv” zu bewerten, der „kooperative Ansatz viel vernünftiger als bei Skanska”, meint Jochen Sandig, der im Auftrag des Tacheles-Vorstandes mit in den laufenden Gesprächen sitzt. Nur wenig verhaltener äußert sich Tacheles-Sprecherin Juliette Güthlein. Anders als der Skanska- Plan sei das Konzept von Fundus „machbar”, nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Daß es in der Tacheles-Geschichte vorerst doch kein Happy- End gibt, hat verschiedene Gründe. Da mehren sich zum Beispiel die Anzeichen, daß den Betreibern allerlei Stöcke zwischen die Beine geworfen werden sollen. Bereits im März hat die Bauaufsicht, die, was völlig unüblich ist, eines schönen Morgens unangemeldet vorbeischaute, den blauen Salon sperren lassen. Damit fallen rund 1.000 Quadratmeter Ausstellungsfläche weg. Oder: Seit Monaten schon liegen beim zuständigen Arbeitsamt in der Gothlindenstraße Anträge auf Verlängerung der ABM-Stellen, ohne daß die Künstler auch nur irgendeine Reaktion erfahren hätten.

Ebenfalls seit geraumer Zeit empfindlich gestört ist der Informationsfluß zwischen Senat und Tacheles. Der bei den Verhandlungen mit dem Investor federführende Bausenator hat gar seinen Mitarbeitern offenbar eine Schweigepflicht auferlegt. Von der ganzen Materie habe er „keine Ahnung”, meint Ralf Schlichting, Sprecher von Senator Nagel. Dessen persönlichem Referenten Hinz läßt sich immerhin entlocken, das Tacheles „erhalten” zu wollen, obwohl die Situation zur Zeit „verfahren” sei. Im übrigen aber bitte er um Verständnis, sich zu dem schwebenden Verfahren nicht weiter äußern zu können. Und Anno August Jagdfeld von Fundus hüllt sich ganz in Schweigen. Und Kultursenatssprecher Rainer Klemke gibt „sehr gute Signale für einen Vertragsabschluß” zu.

Ganz anderer Meinung ist Helmut John von der Oberfinanzdirektion (OFD) Berlin, welche die fraglichen, größtenteils in Bundesbesitz befindlichen Grundstücke treuhänderisch verwaltet und derzeit offensichtlich auf Deubel komm raus mit maximalem Gewinn losschlagen will. Was das Tacheles angehe, so John, wisse ohnehin jeder, „daß da nichts zu retten ist”. Für die OFD jedenfalls käme eine verdeckte Subvention in Form eines Preisnachlasses nicht in Frage. Schon aus haushaltsrechtlichen Zwängen sei es unmöglich, das Grundstück „unter Wert” abzugeben und auf dem Bundesfinanzminister zustehende Einnahmen zu verzichten. Außerdem sei Kultur Sache der Länder, nicht des Bundes.

Ganz abgesehen davon bestreitet John, überhaupt jemals ein Angebot von Fundus bekommen zu haben, weiß aber gleichzeitig „über Dritte”, daß der Investor bereit ist, für das Areal zwischen Friedrichstraße und Oranienburger Straße den Preis von 122 Millionen Mark zu zahlen. Skanska wollte in Erwartung des mittlerweile ausbleibenden Berlin- Booms noch 200 Millionen lockermachen.

Doch dabei übersieht die OFD, daß das Tacheles allein durch seine bloße Existenz für das ganze Areal eine „Barwertminderung” produziert. Damit sind Kosten gemeint, die durch Eigenheiten des Objekts oder Auflagen in bezug auf dessen Nutzung anfallen und die entweder der Kaufinteressent oder der Verkäufer übernehmen muß. Im Falle des Tacheles gibt es verschiedene Gründe für die Barwertminderung: Da ist der Denkmalschutz, der tiefgreifende Veränderungen an der Ruine der ehemaligen Friedrichstadtpassagen verbietet. Dann hat der Koordinationsausschuß für innerstädtische Investitionen des Berliner Abgeordnetenhauses (KOAI) festgelegt, daß das Tacheles in etwaige Bebauungspläne miteinbezogen werden muß. Schließlich gibt es einen Beschluß des Kulturausschusses, das Tacheles als Kulturstandort unbedingt zu halten.

Mit anderen Worten: Das Tacheles ist auf jeden Fall ein Kostenfaktor. Das Problem ist dort seit langem bekannt und hat neben verschiedenen anderen Varianten ein Stiftungsmodell hervorgebracht. Nach diesem Modell, das die Fundus offensichtlich zu tragen bereit ist, würde die Barwertminderung, also die Kosten für die Sanierung des Hauses – die Rede ist von einem Betrag, der zwischen 25 (Güthlein) und 47 Millionen Mark (John) schwankt und den Kosten für 1,5 bzw. drei Autobahnkilometer entspricht – als Gründungskapital einer Stiftung verwendet. Aus deren Zinserträgen wären sowohl die sukzessive Sanierung des Tacheles als auch dessen weitgehende und dauerhafte Unabhängigkeit von staatlicher Unterstützung garantiert. „Skanska hatte diese Möglichkeit gar nicht kapiert, Fundus dagegen war sofort klar, wie das funktionieren könnte”, sagt Juliette Güthlein.

Der Umstand, daß die verschiedenen Behörden, allen voran die OFD, nicht auf das Stiftungsmodell eingehen wollen, bringt Güthlein auf einen anderen Gedanken: „Es geht überhaupt nicht ums Geld. Es geht um uns, um das Tacheles. Wir sind denen ein Dorn im Auge.” Kultur ist eben nicht dasselbe wie Kultur, und Ertrag nicht gleich Ertrag. Eine Entscheidung im Fall Tacheles ist frühestens in „ein bis zwei Monaten” (Hinz) zu erwarten. Frühestens, denn man scheint es in dieser Angelegenheit nach wie vor nicht allzu eilig zu haben. Erst letzten Montag wurde im Kulturausschuß wieder einmal eine Besprechung abgebrochen, gerade als es „spannend wurde” (Sandig). Nun soll morgen eine Sondersitzung stattfinden – sofern die Damen und Herren Abgeordneten die Zeit dafür freimachen können. Verstreicht dieser Termin, ist erst mal Sommerpause.

3.9.1994 | taz | Nagel-Probe für den Erhalt des Tacheles

Saudischer Scheich möchte das Grundstück, aber kein Tacheles / Bausenator Nagel will ein solches Projekt verhindern

Um die Sicherung des Kunst- und Kulturhauses „Tacheles” kämpft jetzt auch Bausenator Wolfgang Nagel (SPD). „Das Tacheles”, forderte der Senator in bislang ungewohnter Deutlichkeit, „muß unbedingt erhalten werden.”

Hintergrund der Nagel-Äußerung ist ein neues Investorenangebot für das Tacheles-Gelände an der Oranienburger Straße. Am vergangenen Wochenende war
bekannt geworden, daß eine Schweizer Finanzholding namens ASSCA bereit sei, das Angebot des bislang aussichtsreichsten Bewerbers Fundus um mehr als 90 Millionen Mark zu überbieten. Traumhafte 210 Millionen Mark ist der ASSCA, hinter der auch der milliardenschwere saudische Scheich Al Walid Ben Talal Ben Abdelasis Al Saud stecken soll, das Gelände zwischen Friedrich- und Oranienburger Straße wert.

Der Kölner Fundus-Fonds, einer der größten Immobilienanleger in Berlin, hatte, nachdem zu Beginn des Jahres der schwedische Skanska-Konzern vom Tacheles- Projekt abgesprungen war, bislang 120 Millionen Mark geboten. 90 Millionen Unterschied, die entscheidend sein können: Während Fundus mit den Tacheles-Betreibern weitgehend einig geworden ist, äußerte ASSCA-Vertreter Werner Hastenrat gegenüber der Presse, daß „der Dreckshaufen” langfristig weg müsse. Zwar bezeichnete Nagel das Angebot der ASSCA als „totale Luftnummer”. Für den Fall aber, daß die Firma von der für den Verkauf zuständigen Oberfinanzdirektion des Bundes (OFD) den Zuschlag erhalten sollte, kündigte Nagel an, planungsrechtlich alles daransetzen zu wollen, „damit das Projekt des Scheichs nicht zum Zuge kommt”.

Womöglich muß der Bausenator seine Ankündigung bald wahr machen. Gegenüber der taz verriet der Sprecher der OFD, Helmuth John, daß die ASSCA in der Ausschreibung weit vorne liege und zusammen mit Fundus zu „den beiden aussichtsreichsten Bewerbern” gehöre. Um fehlende Finanzierungsunterlagen nachzureichen, habe die OFD die Ausschreibung zuletzt bis zum 16. September verlängert. Dann soll eine endgültige Entscheidung fallen. Der Erhalt des Tacheles spielt dabei offenbar keine Rolle. Seine Behörde, wiederholte John, habe den Auftrag, Grundstücke zu verkaufen und nicht, Kulturpolitik zu betreiben. Wenn der Senat das Tacheles erhalten wolle, müßten entsprechende Mittel aus dem Landeshaushalt bereitgestellt werden. Dann, so John, „müßte aber der gesamten Off-Szene das Geld weggenommen und weitere Theater geschlossen werden”.

Der Countdown für Berlins berühmteste Off-Meile läuft also. Aufgeschreckt vom Märchen aus Tausendundeiner Nacht, das sich bald als Alptraum erweisen könnte, erklärte sich das Tacheles „mit sofortiger Wirkung als unverkäufliches Gesamtkunstwerk” und erinnerte an die Willenserklärung des Abgeordnetenhauses, das Kunsthaus in die Gesamtbebauung des Geländes zu integrieren. „Falls die Blöcke ohne Prüfung der stadtplanerischen Leitlinien und immateriellen Gewinne für die Stadt meistbietend verscherbelt werden”, drohte Tacheles-Sprecher Jochen Sandig, „bahnt sich ein politischer Skandal an.”

Den zu verhindern ist auch das Anliegen von Kultursenator Roloff-Momin. „Schulter an Schulter mit dem Tacheles”, ließ er über seinen Referenten wissen, wolle man sich dafür einsetzen, „daß diese wichtige Kultureinrichtung erhalten wird.” Berliner Kultur statt Bonner Finanzen? „Wenn sich die beiden zuständigen Senatoren für das Tacheles einsetzen”, versicherte Senatssprecher Eduard Heußen, „ist das auch die Meinung des Senats.” Uwe Rada

Protokoll zur außerordentlichen Vorstandssitzung am 19.11.1994

1994 | RA.M.M. Theaterperformance “Kauft Hirn”

Hardcore Theaterperformance vom R.A.MM Theaterensemble 1994 im Kunsthaus Tacheles.

Das gesamte Fleisch für das Publikum. Video von Carlos Sahara.


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