HISTORY

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31.3.1994 | taz | Basisdemokratische Königswillkür

Verkauf des Tacheles an die Kölner Fundus-Gruppe beeinträchtigt den Alltag im Kulturzentrum vorerst nicht / Nach wie vor anarchistische Grundstimmung

Funken sprühen durch den Raum. Aus dem Ghettoblaster tönt Violinenmusik von Mozart. Ein mit Propangas betriebener Heizstrahler sorgt für punktuelle Wärme. Kemal Cantürk setzt seine Schweißerbrille ab und richtet sich auf. Besucher kommen bei winterlichen Temperaturen selten in seine Werkstatt im Erdgeschoß des Tacheles, weil nur im Sommer manchmal die Tür offensteht. „Falls ich nicht gerade meine Möbel entwerfe, finde ich es schön, wenn Leute sich meine Arbeit ansehen wollen. Dann nehme ich mir Zeit für sie”, erzählt er.

Der gelernte Schweißer und Bildhauer – mit seinen 44 Jahren ist er der älteste Mitarbeiter im Hause – war einer der Erstbesetzer des jetzigen Kunsthauses Tacheles im Bezirk Mitte. Gerne erinnert er sich an die anarchistische Atmosphäre der Wendezeit. „Wir haben hier auf der Straße gesessen mit Sofas. Jede zehn Minuten kam ein Auto vorbei”, erzählt er. Aber auch heute arbeitet er noch mit viel Enthusiasmus hier, weil andere Regeln gelten als in etablierten Kunsthäusern. „Basisdemokratische Königswillkür” nennt er das Tacheles-Prinzip. Wer Engagement zeigt, setzt sich auch gegen die anderen durch.

Da die 300.000 Mark Fördermittel im Jahr vom Senat nur für die Kunst gedacht sind, müssen die Betreiber bei anfallenden Bauarbeiten am Gebäude improvisieren. Viel diskutiert werde im Moment im Vorstand über die Möglichkeit des Sponsoring. Warum sollte die Firma Otis nicht im Tacheles einen Aufzug bauen und dafür auf den Ausstellungsplakaten verewigt werden? Oder die Recyclingfirma Alba Baustoffe dafür liefern, daß das Tacheles für sie Reklame macht? „Ich nehme an, demnächst sind wir soweit, aber wir lassen uns nicht von jedem sponsern”, sagt Cafébetreiber Ludwig Eben.

Wie lange die letzten anarchistischen Züge aufrechterhalten werden können, weiß niemand so genau. Was sich mit dem Verkauf des Areals rund um das Gebäude an den Kölner Investment-Fonds verbinden wird, auch nicht. Kemal jedoch ist zuversichtlich: „Das Tacheles gehört ja dem Land Berlin. Für uns als Betreiber ändert sich mit dem Verkauf erst einmal gar nichts. Baubeginn auf dem benachbarten Johannishof-Grundstück ist sowieso frühestens in drei bis vier Jahren.” Die Kölner Investoren gelten bei den Tacheles-Betreibern als das beste Übel, da ihr Bebauungsplan das Kunsthaus langfristig sichert. Auf dem Gebiet rund ums Gebäude sollen zu fünfzig Prozent Wohnungen entstehen. Wenn es allerdings nach den Künstlern selbst ginge, würde die freie Fläche als Skulpturenpark genutzt. „Berlin hätte es verdient, Kunst auf großem Raum auszustellen und nicht nur in Katakomben oder engen Galerien”, sagt Kemal.

Ausstellungsfläche ist auch im Kunsthaus Tacheles rar. Daher hat sich Kemal entschlossen, es seiner Nachbarwerkstatt gleichzutun und aus dem Arbeits- einen Präsentationsraum zu machen. Dann können die auf der Oranienburger Straße flanierenden Kneipenbesucher sich auch seine Werke ansehen.

Da Kemal findet, daß Kunstgegenstände auch genutzt werden sollen, stellt er hauptsächlich Möbel her. Ausschlaggebend dafür war damals die Einrichtungsaktion des Tacheles-Cafés. Nachdem die provisorische Inneneinrichtung von den Besuchern innerhalb kürzester Zeit gestohlen oder zerstört worden war, machten sich Kemal und andere Künstler daran, stabile Möbel zu bauen.

„Ich mag schwere Stühle, weil sie mit ihrem Gewicht den Platz selbst bestimmen. Einen 250 Kilo schweren Stuhl kann niemand so leicht vom Fleck bewegen”, sagt Kemal. Mit dem Cafébetreiber Ludwig Eben mußte er allerdings den Kompromiß schließen, daß Stühle und Tische zwar schwer aussehen können, aber trotzdem verrückbar sein müssen. Das Ergebnis ist eine Kombination aus hölzernen Sitzflächen und stählernem Gestell. Das Holz ist gekauft, den Stahl hat Kemal vom Schrott.

„Ich bin Schrottveredler. Wenn es geht, baue ich nur Möbel aus hundert Prozent Abfall, mit dem Anspruch, daß meine Produkte nie wieder weggeworfen werden, sondern von den nachfolgenden Generationen weiterbenutzt werden”, sagt er. In normalen Haushalten gebe es nur Gebrauchsgegenstände, die schnell kaputtgingen. Das fördere unter anderem die Unruhe.

Wenn der Künstler ohne Auftrag arbeitet, baut er gerne nur mit Metall. Zwei Stühle zieren im Moment seine Werkstatt. Verkaufen will er seine Schätze aber nicht unbedingt. „Es geht mir nicht darum, Geld zu verdienen, denn ich verstehe mich als Robin Art.” Gerne würde er Möbel bauen, so erzählt er, die schön und gleichzeitig für alle Interessenten erschwinglich sind.

Stefanie Ehnes

1995 | Tacheles

1995 | Performance Dante Organ

Performance of the Dante Organ in the backyard of Kunstlerhaus Tacheles in Berlin. The Dante Organ is a sound installation with 12 flame throwers . Tacheles funded the installation of 5 new flame-throwers in 1995.

Investitionsvorrangbescheid: Bund lässt Fundus den Vorrang

Zur Vorbereitung des investiven Vorhabens der Fundus GmbH erlässt der Bund einen sog. Investitionsvorrangbescheid (IVB). IVBs waren in der Nachwendezeit ein rechtliches Mittel, um Grundstücke von eventuellen Restitutionsansprüchen zu befreien, um freie Fahrt für Investitionen herzustellen. Der Clou hierbei ist allerdings: Auf dem Tacheles-Grundstück lasteteten keine Restitutionsansprüche, da es nach dem zweiten Weltkrieg bereits von der Sowjetunion enteignet worden war – laut Einigungsvertrag eine rechtskräftige Enteignung. So wurde der IVB hier offenbar missbräuchlich eingesetzt, um eine öffentliche Ausschreibung zu verhindern.

pdf-Download: Investitionsvorrangbescheid.

11.8.1995 | taz | Theo und das Tacheles

Daß Kunst zuallererst Rezeption und eben diese eine recht geschmäcklerische Angelegenheit ist, wird keiner ernsthaft bestreiten. So gesehen hat sich das Tacheles als Gesamtkunstwerk zurückgemeldet. Nun kann endlich wieder aus den Kaffeesätzen gelesen werden. Theo und das Tacheles: Wer steckt dahinter?

Fünf Jahre lang haben sich die Tacheles-Betreiber über den Streit um die Zuständigkeit gefreut und keine Miete zahlen müssen. Einen Zustand, den der Kultursenator offenbar noch gerne verlängert hätte. Doch Pieroth wußte es besser. Keine Chance, das Gebäude für Berlin zu sichern, hieß es, und ungeklärte Eigentumsverhältnisse zu klären erfordere schließlich der Rechtsstaat.

Woher dieser Zeitdruck? Wollte da einer dem in Berlin nicht in allen Kreisen gelittenen Fundus-Magnaten Jagdfeld vors Knie treten (Lyrik). Oder der eine Kollege dem andern im Kulturressort eins auswischen (Komödie)? Ging es gar um Triviales? Unterschrieb da einer ein Stück Papier aus, sagen wir es einfach: bloßer Pflichterfüllung (Prosa). Daß hinter Pieroths Entscheidung, wie vom Kultursenator vermutet, ein Wahlkampfmanöver ums Tacheles steckt, darf freilich bezweifelt werden. Selbst ein CDU-Senator würde sich nicht entblöden, wahlkampfwirksam, also öffentlich, das Aus für das auch beim Goethe-Institut beliebte Off-Projekt zu verkünden. Zumal die Miete, die der Kultursenator zahlen müßte, auch wieder aus dem Landeshaushalt kommen würde. Es darf also interpretiert werden. Künstlerisch gesehen ist das nicht das Schlechteste. Das Kunsthaus als eigentumsrechtliche Installation im öffentlichen Raum – wann hat es im Tacheles eine derartige Rezeptionsästhetik zuletzt gegeben?

Uwe Rada

11.8.1995 | taz | Was tut Theo mit dem Tacheles?

Finanzsenator Pieroth übergibt Tacheles ins Bundesvermögen. Dort sieht man nun Handlungsbedarf
und meint: Verkaufen, Miete zahlen oder räumen. Die Betreiber fordern umgehend einen Runden Tisch

Verkauft werden, gegen eine drohende Räumung kämpfen oder Miete zahlen: Im Tacheles ist wieder alles möglich. Der Grund: Finanzsenator Elmar Pieroth (CDU) hat nun den jahrelang schwebenden Streit entschieden, ob das Tacheles-Grundstück dem Bund oder dem Land Berlin gehört. Fazit: Über das Tacheles verfügt ab sofort der Bonner Finanzminister Theo Waigel (CSU), in Berlin vertreten durch die Oberfinanzdirektion (OFD). Dort witterte man bereits Handlungsbedarf: Da der schwebende Zustand beendet sei und die OFD über das Gelände verfüge, meinte OFD-Mitarbeiter Jochen Kallabis, müsse man nun klären, ob man das Grundstück verkaufe, vermiete oder – im Falle einer Nichtvermietbarkeit – die Tacheles-Betreiber auffordere, das Gelände zu räumen.

Reichlich verschnupft über die plötzliche Entscheidungsfreude Pieroths gab man sich gestern beim Kultursenator und Tacheles- Freund Ulrich Roloff-Momin (SPD). „Wir haben den Finanzsenator aufgefordert, das Grundstück für das Land Berlin zu sichern”, meint Kultursprecher Ingolf Kern und witterte hinter Pieroths Coup ein Wahlkampfmanöver. „Ganz falsch”, meint dagegen Pieroth-Sprecher Klaus-Hubert Fugger. Mit der Zuweisung habe man nur die geltende Rechtslage bestätigt. „Auch der Finanzsenator wollte das Tacheles für Berlin sichern”, meinte Fugger, aber die geltende Rechtsprechung habe die Zuweisung an Bonn erfordert. Nun müßten, so Fugger, alle Beteiligten schnell verhandeln.

Grund für die verwirrende Situation ist die Eigentumssituation des Tacheles vor der Wende. „Als wir das Tacheles besetzt haben”, sagte ein Tacheles-Sprecher gestern, „wurde über das Gebäude nicht vom Magistrat, sondern von der Baudirektion der DDR verfügt.” Er räumte zwar ein, es habe keinen Zweifel daran gegeben habe, daß das Tacheles einmal dem Bund zugeschlagen werde. Eine Entscheidung zum jetzigen Zeitpunkt sei jedoch nicht zwingend gewesen und habe die seit fünf Jahren währende Schwebesituation ohne Grund beendet und Handlungsdruck geschaffen.

Daß der Pieroth-Zuschlag, entgegen den Beteuerungen der Finanzverwaltung, nicht zwingend gewesen sei, bestätigte auch OFD- Mitarbeiter Kallabis. „Aus unserer Sicht hätte die ungeklärte Situation noch eine Zeit dauern können”, meinte er. Nun aber müsse man handeln. Wie, das werde man in den nächsten Tagen entscheiden. Denkbar sei auch, daß der Kultursenator das Tacheles vom Bund miete.

Handlungsdruck gibt es nun auf allen Seiten. Nicht nur der Kultursenator wird womöglich entscheiden müssen, ob er für die plötzliche Pieroth-Entscheidung mit einer Mietsubventionierung in die Bresche springt. Auch der potentielle Investor für die Bebauung des Areals, die Kölner Fundus- Gruppe, könnte vor die Wahl gestellt sein, die Tacheles-Ruine nun schneller als gedacht von Finanzminister Waigel zu erwerben. Erst Anfang des Jahres hatte Fundus den Zuschlag von der OFD über das Grundstück erhalten und den Willen bekundet, das Kunsthaus in eine Bebauung des Geländes zu integrieren.

„Eine Gesamtlösung mit Fundus”, hieß es vom Tacheles, „braucht aber noch einige Zeit.” Daß die neue Eigentumssituation dazu führt, daß die OFD das Tacheles räumen läßt, glauben die Off-Künstler aber nicht: „Das ist nicht durchsetzbar, es gibt einen gültigen Senatsbeschluß zum Erhalt des Tacheles”, meinen die Betreiber. Sie fordern nun einen Runden Tisch, an dem alle Beteiligten so schnell wie möglich „Tacheles reden”.

Uwe Rada

1995 | Bruce Springsteen @ Tacheles

Bruce Springsteen live with “Hungry Heart” on September 7, 1995 in Café Eckstein on Pappelallee and for a visit in Kunsthaus Tacheles.


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