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5.6.1990 | taz | Das „Tacheles” ist den Skins ein Dorn im Auge

Multinationales Kulturzentrum in Berlin wurde am Wochenende zur Zielscheibe eines brutalen Überfalls von Neonazis / Mit „Sieg Heil!„-Rufen, Eisenstangen und Mollis gegen die Besucher eines Cafes in dem besetzten Haus / Auseinandersetzungen auch im Stadtbezirk Friedrichshain

Berlin (taz) – „Die Skins kommen!” Dieser Ruf schreckte die knapp dreißig Besucher des Kunsthauses „Tacheles” in der Nacht von Freitag auf Samstag auf, kurz nachdem es zwölf geschlagen hatte. Für die Künstler, ihre Bekannten und einige Gäste, die sich im Cafe des besetzten Gebäudes Oranienburger Straße /Ecke Friedrichstraße aufhielten, war es nicht der erste derartige Überfall. Eilends schlossen und verbarrikadierten sie die Stahltür zum Hinterhof, einem Schutt- und Baugelände, wo sich die Angreifer sammelten. Wie ein Augenzeuge berichtete, gelang es dem knapp fünfzig Personen starken Trupp jedoch, die Tür aufzubrechen. Sie stürmten mit Eisenstangen, Baseball-Schlägern, Knüppeln und Molotow-Cocktails bewaffnet und unter Rufen wie „Sieg Heil!” oder „Hooligans!” in den Raum. Die Anwesenden rannten durch den Vorderausgang auf die Straße.

Einem jedoch gelang es nicht zu entkommen. Er flüchtete in einen Abstellraum, wo er schwere Verbrennungen erlitt, als die Angreifer Mollis hinter ihm herwarfen. Der junge Maler droht nun zu erblinden. Eine Frau schützte sich mit dem Arm, als einer der jungen Männer sie mit einer Eisenstange auf den Kopf und bewußtlos schlug. Sie erlitt eine leichte Schädelverletzung; ihr Daumen zersplitterte. Zwei weitere Personen wurden ebenfalls verletzt. Bei den Angreifern, so der Augenzeuge weiter, handelte es sich um junge Männer zwischen 20 und höchstens 25 Jahren in der für Skins typischen Kluft: Bomberjacken, Springerstiefel, Glatze.

Und die Polizei? Nach Angaben des Zeugen standen zu Beginn des Überfalls zwei Fahrzeuge mit vier Polizisten vor dem Gebäude, die jedoch nicht eingriffen und sichtlich Angst gehabt hätten. Er selbst habe sie fünfmal aufgefordert, den Schwerverletzten in ein Krankenhaus zu bringen, was dann schließlich auch geschehen sei. Die Polizisten hätten sich immer wieder dafür entschuldigt, daß sie nichts tun könnten. Schließlich rückte Verstärkung an, 15 Wagen der Volkspolizei und Bereitschaftspolizei, die erst in ganz Berlin hätten zusammengezogen werden müssen, wie es im Präsidium hieß. Als sie anrückten, waren die Angreifer freilich schon wieder auf dem Heimweg. Vier oder fünf Personen wurden festgenommen. Gegen sie läuft jetzt ein Ermittlungsverfahren wegen „Rowdytums”.

Der Überfall war bereits der vierte auf das multinationale Kulturzentrum in der Oranienburger Straße. Die Nutzer des Hauses hatten damit gerechnet, am Samstag nach dem Pokalfinale Schwerin gegen Dresden erneut zur Zielscheibe von Angriffen zu werden. Während des Spiels wurden zwar zwei Personen festgenommen, auch tauchten organisierte Trupps im Stadion auf und lieferten sich Katz- und Maus-Spiele mit der Polizei, doch kam es im Anschluß nicht zu Auseinandersetzungen. In Friedrichshain allerdings sammelten sich in den Abendstunden zwei- bis dreihundert ebenfalls mit Baseballschlägern und Stangen ausgerüstete vermummte Skins und lieferten sich eine Straßenschlacht mit der Polizei, die zum Schutz der besetzten Häuser in der Mainzer- und Kreutziger Straße eingesetzt worden waren. Nach Angaben des Polizeipräsidiums wurden dreißig Personen festgenommen, darunter zwei Bundesbürger und ein Westberliner. Gegen drei wurde ein Ermittlungsverfahren eingeleitet. Als Motiv hätten die 16 bis 19jährigen angegeben, sie fühlten sich zu den Faschos hingezogen und würden deshalb gegen die autonomen Linken vorgehen. Die Besetzer der beiden Häuser hatten nachmittags ein Straßenfest veranstaltet, für das mit zahlreichen Plakaten geworben worden war.

„Das größte Drama ist, daß man nicht weiß, was man machen soll”, kommentierte der Zeuge des Überfalls auf das Kunsthaus Tacheles die Überfälle der Skins. „Man kann nicht eine Frau mit einem Eisenrohr schlagen, in der Annahme, daß nichts passiert”. Er rechnet damit, daß sich die Leute in den besetzten Häusern gegen derartige Angriffe zur Wehr setzen und nun zu den „härtesten Mitteln der Verteidigung notfalls auch Eisenstangen und Mollis” greifen werden.

11.9.1990 | taz | »Voneinander lernen«

Besetzer Ost rufen zur Neuorientierung auf/ Heute wollen sich Ostautonome im Kunsthaus Tacheles zu einer ersten Lagebestimmung treffen

Ost-Berlin. Offensichtlich scheint sich in Ost-Berlin eine Differenzierung in der Besetzerszene abzuzeichnen. In einem der taz vorliegenden Aufruf wenden sich dem Kunsthaus Tacheles nahestehende Besetzer gegen »westliche Vormundschaft«. Dies sei, so der Aufruf, »ein Zustand, der sich durch alle Bevölkerungsschichten in gleichem Maße zieht«. Mit eindringlichen Worten wenden sich die Verfasser des Papiers gegen die Zunahme von Gewalt auch in der autonomen Szene: »Wir lassen uns nicht weiter mit Randale- und Schlägertrupps über einen Kamm scheren. Faschos und Nazis kriegen durch Randale und Gewalt einen Fuß in unsere Tür. Laßt die rechten links liegen, kämpft mit Geist und Verstand, und schafft eine neue Alternative zur Gewalt, bevor diese sich gegen uns selbst richtet.«

Die Verfasser des Aufrufes, die — selbst Opfer eines Faschoüberfalls — schon vor einiger Zeit versuchten, mit Rechtsradikalen in eine politische Diskussion zu treten, um Gewalt zu verhindern, gehen dann auf die verunglückte »Antifaschistische Demonstration« in der Weidlingstraße ein: »Autonome der DDR — in der Weitlingstraße gab es 19 verletzte antifaschistisch gesinnte Polizisten, ein Werk das jedes Faschisten würdig wäre. Wollten wir das? Die Verhandlungen in unseren Häusern stagnieren, weil nicht wir das Wort führen, sondern Wessis dem Besetzerrat vorsitzen, die sich sinnlos streiten, anstatt endlich Ergebnisse zu erzielen.« Die Konfrontation zwischen und Ost- und Westbesetzern gehe mittlerweile »so weit, daß Westautonome Ostautonome verprügeln«. Die Verfasser des Aufrufs fordern daher die »Neugründung von Verhandlungsgremien unter Führung von Ostautonomen.« Die Westautonomen werden aufgefordert, sich den Ostlern anzuschließen, deren andersartige Erfahrungen des Widerstandes jedoch zu akzeptieren. »Wir können nur voneinander lernen, wenn wir uns gegenseitig akzeptieren«, heißt es abschließend in dem Papier.

Heute um 20 Uhr soll im Kunsthaus Tacheles ein Treffen aller Interessierter stattfinden, um »neue Verhandlungs- und Beratungsgrundlagen zu finden«. ok

29.5.1992 | taz | Zelten in der Grauzone

Die nach dem Brand obdachlosen Besetzer der Tacheles-Häuser campieren ohne Strom und Wasser
hinter den Ruinen/ Soforthilfeversuche des DRK wurden vom Bezirksbürgermeister ignoriert

Mitte. »Die sollen sich beim Sozialamt ihr Fahrgeld holen und nach Hause fahren.« Der Bezirksbürgermeister von Mitte,Benno Hasse, scheint diesen Kommentar nicht einmal ironisch gemeint zu haben. Als Rainer Otto vom Deutschen Roten Kreuz (DRK) am Dienstag mit dem Bezirksamt eine Soforthilfe für die obdachlos gewordenen Besetzer vom Tacheles zu koordinieren versuchte, zeigte ihm Hasse die kalte Schulter. Offensichtlich endet die im Grundgesetz verankerte Fürsorgepflicht des Staates, wenn die Betroffenen zur »Grauzone der Illegalität« zählen. In der Grauzone Berlin- Mitte parkten einen Tag nach der »heißen Räumung« die weißlackierten Wagen vom DRK die Oranienburger Straße zu und ließen das Tacheles neben den ausgebrannten Dachstühlen wie ein Krankenhaus aus Endzeittagen wirken. Auf dem Dach der Ruine haben Künstler des Hauses in langer Reihe rote Scheinwerfer unter Plastikfolie montiert; als noch die Nebelmaschine rote Rauchwolken in den dunstigen Nachthimmel spuckt, ist die Szenerie perfekt: Das Tacheles brennt zum zweiten Mal. Bei »Obst und Gemüse«, der Konkurrenz von Gegenüber, drängelt man sich heute nacht um die besten Plätze. Die meisten der hier Anwesenden haben seit gestern kein Auge zugetan. Man trinkt Sekt und Wein, die Stimmung ist in Anbetracht der Lage überraschend gut.

Allgemeines Gejohle, als kurz darauf tatsächlich zwei Löschzüge der Feuerwehr vor dem Kunsthaus Stellung beziehen. Weil die Herren in dunkelblauer Montur sich tags zuvor mit ihrer verzögerten Löschtaktik nicht gerade beliebt gemacht hatten, fliegt ihnen zur Begrüßung eine Flasche Sekt vor das Fahrzeug. Derweil machen sich die ehrenamtlichen Helfer des DRK auf der verwaisten Freifläche hinter der Ruine zu schaffen. Sechs Pfadfinderzelte mit jeweils zehn Feldbetten werden zwischen den Sandhügeln plaziert, und ab Mitternacht gibt’s Nudelsuppe mit Rindfleisch aus der Gulaschkanone. Ludwig Eben schläft seit zwei Nächten im Zelt, ohne Strom und Klo. »Wenn man morgens nicht beim ersten Sonnenstrahl aus dem Bett springt, kriegt man Kopfweh.« Obwohl die unteren zwei Etagen sofort wieder bewohnbar wären, sind die Türen der Brandhäuser inzwischen zugemauert, die ehemaligen Bewohner haben Hausverbot, und ein privater Wachschutz beobachtet rund um die Uhr die Eingänge. Offensichtlich kommen der Bundesvermögensverwaltung, derzeitige Verwalterin der von Restitutionsanträgen belegten Häuser, die jüngsten Ereignisse nicht ganz ungelegen. Da die Gebäude unter Denkmalschutz stehen, fordern die Ex-Besetzer die sofortige Errichtung eines Notdaches gegen den weiteren Verfall. Jantje Hannover

Spendenkonto: Berliner Sparkasse
BLZ 100 500 00, Kto. 3351 34 49

8.1.1994 | taz | Dankenswerte Leerstelle im Zentrum

Gegen die Kastration: Kunst, die im Tacheles produziert wird, erschiene in genormten Ateliers unfreiwillig komisch

So ganz sicher ist man sich im Zuge der stündlich wechselnden Informationen zwar nicht, aber: Es scheint, als wäre das Tacheles noch einmal davongekommen. Der Plan der Oberfinanzdirektion Berlin, das Kunsthaus nach Prenzlauer Berg zu verlegen, sei, so heißt es, am Widerstand des Kultursenators gescheitert. Ob damit die drohende Abwicklung vom Tacheles und dem dort ansässigen Kunst- und Kulturverein abgewendet wurde, steht allerdings auf einem ganz anderen Blatt.

Einen Tag nach Bekanntwerden des Vorhabens der Oberfinanzdirektion zauberte Kultursenatssprecher Klemke einen neuen, bislang unbekannten Investor hervor, der das Projekt einer Geschäftspassage zwischen Oranienburger und Friedrichstraße gemeinsam mit der schwedischen Skanska-Gruppe realisieren will und angeblich bereit ist, das Tacheles in seiner jetzigen Form zu erhalten.

Der bisherige Plan von Skanska war, das Gebäude zu sanieren und dann zu einem Preis von etwa 10 Mark pro Quadratmeter an die KünstlerInnen zu vermieten. Wie schnell ein solches Modell kippen kann, hat die Geschichte der Pankehallen an der Osloer Straße bewiesen. Der Gebäudekomplex mauserte sich vom besetzten Kulturzentrum zum luxuriös eingerichteten Atelierhaus. Die Mieten können sich nur noch KünstlerInnen leisten, denen ein finanzstarkes Stipendium von Staat und Industrie unter die Arme greift.

Im Falle des Tacheles steckt der Teufel in den städteplanerischen Details. Denn auch der Entwurf des von Skanska beauftragten Berliner Architekten Joseph Paul Kleihues sieht vor, die bunte Ruine an die neue Nachbarschaft, eine 30.000 Quadratmeter große Einkaufspassage, anzupassen und in eine glitzernde Kreation aus Stahl und Glas zu verwandeln. Von dem Kunsthaus in seiner jetzigen Form bliebe nach dem Umbau nicht mehr viel übrig.

Man muß kein Anhänger des Tacheles sein, um zu wissen, daß eine Domestizierung des Umfeldes der dortigen Kunst diametral entgegensteht. Noch wird im Tacheles geschweißt, gehämmert und geschmiedet, probiert und inszeniert, wie es gerade paßt. Die Malerei ist wild, expressiv, ungebärdet, der Ausdruck bisweilen grob, aber immer direkt, und meistens aus dem Bauch heraus. Solche Kunst macht man nicht in Sonntagskleidern und ebensowenig in einem Kleihues-Bau. Nicht selten wirken die Resultate, als seien sie aus einer Symbiose mit dem Gebäude hervorgegangen, als habe man den Schrott für die Plastiken direkt aus dem Keller geholt.

Keine Idee ist zu verrückt, um nicht realisiert zu werden. Ein Ikarus-Bus, schräg in den märkischen Sandboden gerammt? Bitte sehr. Eine „Rakete” aus rostigen Stahlplatten zusammenbauen, die ausschaut wie ein riesiges Straußenei auf Stelzen? Wird gemacht. Tacheles-Kunst ist Großstadtkunst, da wird nichts vertuscht und glattgebügelt. Was drin ist, muß raus. So betrachtet sind die Tacheles- KünstlerInnen, zumindest die meisten davon, die legitimen NachfolgerInnen der Expressionisten der Brücke, und die haben schließlich auch nicht in Klein-Klöthen gelebt. Auch in Köln/Mülheim oder in Hamburgs Kampnagel-Fabrik hat sich die seitdem selbst von der Groß-Kultur bejubelte Malerei der „Neuen Wilden” aus solchen Ruinen, als Widerstand zum schönen Schein der Einkaufspassagen entwickelt. Würde man diese Kunst an irgendeinen entlegeneren Ort verpflanzen, in ein brav nach DIN-Norm renoviertes Haus, sie wäre kastriert, ihrer Existenzgrundlage beraubt und erschiene unfreiwillig komisch.

Die Vielfalt, für die das Tacheles steht, ist nicht von vornherein eine Berliner Spezialität. Man findet sie in Köln, München, Hamburg und wohl einem weiteren Dutzend bundesrepublikanischer Städte. Berlin ist einzigartig deshalb, weil hier die Vielfalt unmittelbar und ungeschminkt ins Auge springt: Im Zentrum der Stadt funktioniert das Tacheles samt dem skulpturalen Schrottplatz vor der Tür wie eine dankenswerte Leerstelle im Stadtbild. Das Ausland sieht darin schon fast einen Mauer-Ersatz, mit dem auch die Ex-Olympia-GmbH unter Betonung des Schmuddel-Images warb.

Wenn Berlin nicht zu einem langweiligen Mittelklasse-Dorado verkommen möchte, sollte man akzeptieren, daß hier die Brüche und Kanten eben nicht abgeschliffen werden. Ein Stadtzentrum braucht Anziehungspunkte und Gegensätze, wenn es sich nicht nach Ladenschluß in eine Wüste verwandelt will, oder in eine Pflegestation für die Happy-few, die in der Staatsoper ihre Freunde treffen gehen. Wer ja sagt zum Tacheles, muß sich über die Konsequenzen im klaren sein. Kompromisse kommen nicht in Frage. Allein aus ästhetischen Gründen. Ulrich Clewing / Harald Fricke

23.6.1994 | taz | Kaum 3 Autobahnkilometer teuer

Alles in Butter mit der Zukunft des Tacheles? Trotz eines kulanten Angebots der neuen Investorgruppe
Fundus mag man es nicht so recht glauben: Senat und Oberfinanzdirektion mauern   Von Ulrich Clewing

Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt – von der Achterbahnfahrt der Gemütszustände können die MacherInnen des Tacheles wieder mal ein Lied singen. Einerseits scheint es so, als sei eine gütliche Einigung über den Fortbestand der inzwischen berühmten Kunstruine greifbarer denn je.

Nach Scheitern der Verhandlungen mit der schwedischen Finanzgruppe Skanska vor einem halben Jahr gibt es ja einen neuen Investor, der starkes Interesse an der Bebauung des Brachlandes rund um das Tacheles hat und potent genug ist, ein solches Vorhaben seriös zu finanzieren. Dieser Investor will das Tacheles – anders als Skanska – ohne Wenn und Aber akzeptieren: Fundus aus Köln, angeblich der größte Anleger in Berlin.

Wie erst kürzlich bekannt wurde, hat Fundus dem Senat Anfang März ein Angebot gemacht, das sich sehen lassen kann: Dem Tacheles werden fünf Jahre mietfreier Betrieb gewährt, währenddessen wird das Gebäude abschnittsweise saniert, so daß das Kunsthaus nicht – wie noch von Skanska vorgesehen – für etwa zwei Jahre komplett schließen müßte. Anschließend soll die Miete, angefangen bei fünf Mark, alle fünf Jahre um fünf Mark pro Quadratmeter steigen. Darüber hinaus ist geplant, den Künstlern die gewünschte Freifläche zwischen den Neubauten und dem Tacheles zuzugestehen, ebenso wäre der Anteil an Wohnbebauung deutlich höher als bisher.

Also alles in Butter? Das Fundus-Engagement sei „sehr positiv” zu bewerten, der „kooperative Ansatz viel vernünftiger als bei Skanska”, meint Jochen Sandig, der im Auftrag des Tacheles-Vorstandes mit in den laufenden Gesprächen sitzt. Nur wenig verhaltener äußert sich Tacheles-Sprecherin Juliette Güthlein. Anders als der Skanska- Plan sei das Konzept von Fundus „machbar”, nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Daß es in der Tacheles-Geschichte vorerst doch kein Happy- End gibt, hat verschiedene Gründe. Da mehren sich zum Beispiel die Anzeichen, daß den Betreibern allerlei Stöcke zwischen die Beine geworfen werden sollen. Bereits im März hat die Bauaufsicht, die, was völlig unüblich ist, eines schönen Morgens unangemeldet vorbeischaute, den blauen Salon sperren lassen. Damit fallen rund 1.000 Quadratmeter Ausstellungsfläche weg. Oder: Seit Monaten schon liegen beim zuständigen Arbeitsamt in der Gothlindenstraße Anträge auf Verlängerung der ABM-Stellen, ohne daß die Künstler auch nur irgendeine Reaktion erfahren hätten.

Ebenfalls seit geraumer Zeit empfindlich gestört ist der Informationsfluß zwischen Senat und Tacheles. Der bei den Verhandlungen mit dem Investor federführende Bausenator hat gar seinen Mitarbeitern offenbar eine Schweigepflicht auferlegt. Von der ganzen Materie habe er „keine Ahnung”, meint Ralf Schlichting, Sprecher von Senator Nagel. Dessen persönlichem Referenten Hinz läßt sich immerhin entlocken, das Tacheles „erhalten” zu wollen, obwohl die Situation zur Zeit „verfahren” sei. Im übrigen aber bitte er um Verständnis, sich zu dem schwebenden Verfahren nicht weiter äußern zu können. Und Anno August Jagdfeld von Fundus hüllt sich ganz in Schweigen. Und Kultursenatssprecher Rainer Klemke gibt „sehr gute Signale für einen Vertragsabschluß” zu.

Ganz anderer Meinung ist Helmut John von der Oberfinanzdirektion (OFD) Berlin, welche die fraglichen, größtenteils in Bundesbesitz befindlichen Grundstücke treuhänderisch verwaltet und derzeit offensichtlich auf Deubel komm raus mit maximalem Gewinn losschlagen will. Was das Tacheles angehe, so John, wisse ohnehin jeder, „daß da nichts zu retten ist”. Für die OFD jedenfalls käme eine verdeckte Subvention in Form eines Preisnachlasses nicht in Frage. Schon aus haushaltsrechtlichen Zwängen sei es unmöglich, das Grundstück „unter Wert” abzugeben und auf dem Bundesfinanzminister zustehende Einnahmen zu verzichten. Außerdem sei Kultur Sache der Länder, nicht des Bundes.

Ganz abgesehen davon bestreitet John, überhaupt jemals ein Angebot von Fundus bekommen zu haben, weiß aber gleichzeitig „über Dritte”, daß der Investor bereit ist, für das Areal zwischen Friedrichstraße und Oranienburger Straße den Preis von 122 Millionen Mark zu zahlen. Skanska wollte in Erwartung des mittlerweile ausbleibenden Berlin- Booms noch 200 Millionen lockermachen.

Doch dabei übersieht die OFD, daß das Tacheles allein durch seine bloße Existenz für das ganze Areal eine „Barwertminderung” produziert. Damit sind Kosten gemeint, die durch Eigenheiten des Objekts oder Auflagen in bezug auf dessen Nutzung anfallen und die entweder der Kaufinteressent oder der Verkäufer übernehmen muß. Im Falle des Tacheles gibt es verschiedene Gründe für die Barwertminderung: Da ist der Denkmalschutz, der tiefgreifende Veränderungen an der Ruine der ehemaligen Friedrichstadtpassagen verbietet. Dann hat der Koordinationsausschuß für innerstädtische Investitionen des Berliner Abgeordnetenhauses (KOAI) festgelegt, daß das Tacheles in etwaige Bebauungspläne miteinbezogen werden muß. Schließlich gibt es einen Beschluß des Kulturausschusses, das Tacheles als Kulturstandort unbedingt zu halten.

Mit anderen Worten: Das Tacheles ist auf jeden Fall ein Kostenfaktor. Das Problem ist dort seit langem bekannt und hat neben verschiedenen anderen Varianten ein Stiftungsmodell hervorgebracht. Nach diesem Modell, das die Fundus offensichtlich zu tragen bereit ist, würde die Barwertminderung, also die Kosten für die Sanierung des Hauses – die Rede ist von einem Betrag, der zwischen 25 (Güthlein) und 47 Millionen Mark (John) schwankt und den Kosten für 1,5 bzw. drei Autobahnkilometer entspricht – als Gründungskapital einer Stiftung verwendet. Aus deren Zinserträgen wären sowohl die sukzessive Sanierung des Tacheles als auch dessen weitgehende und dauerhafte Unabhängigkeit von staatlicher Unterstützung garantiert. „Skanska hatte diese Möglichkeit gar nicht kapiert, Fundus dagegen war sofort klar, wie das funktionieren könnte”, sagt Juliette Güthlein.

Der Umstand, daß die verschiedenen Behörden, allen voran die OFD, nicht auf das Stiftungsmodell eingehen wollen, bringt Güthlein auf einen anderen Gedanken: „Es geht überhaupt nicht ums Geld. Es geht um uns, um das Tacheles. Wir sind denen ein Dorn im Auge.” Kultur ist eben nicht dasselbe wie Kultur, und Ertrag nicht gleich Ertrag. Eine Entscheidung im Fall Tacheles ist frühestens in „ein bis zwei Monaten” (Hinz) zu erwarten. Frühestens, denn man scheint es in dieser Angelegenheit nach wie vor nicht allzu eilig zu haben. Erst letzten Montag wurde im Kulturausschuß wieder einmal eine Besprechung abgebrochen, gerade als es „spannend wurde” (Sandig). Nun soll morgen eine Sondersitzung stattfinden – sofern die Damen und Herren Abgeordneten die Zeit dafür freimachen können. Verstreicht dieser Termin, ist erst mal Sommerpause.

3.9.1994 | taz | Nagel-Probe für den Erhalt des Tacheles

Saudischer Scheich möchte das Grundstück, aber kein Tacheles / Bausenator Nagel will ein solches Projekt verhindern

Um die Sicherung des Kunst- und Kulturhauses „Tacheles” kämpft jetzt auch Bausenator Wolfgang Nagel (SPD). „Das Tacheles”, forderte der Senator in bislang ungewohnter Deutlichkeit, „muß unbedingt erhalten werden.”

Hintergrund der Nagel-Äußerung ist ein neues Investorenangebot für das Tacheles-Gelände an der Oranienburger Straße. Am vergangenen Wochenende war
bekannt geworden, daß eine Schweizer Finanzholding namens ASSCA bereit sei, das Angebot des bislang aussichtsreichsten Bewerbers Fundus um mehr als 90 Millionen Mark zu überbieten. Traumhafte 210 Millionen Mark ist der ASSCA, hinter der auch der milliardenschwere saudische Scheich Al Walid Ben Talal Ben Abdelasis Al Saud stecken soll, das Gelände zwischen Friedrich- und Oranienburger Straße wert.

Der Kölner Fundus-Fonds, einer der größten Immobilienanleger in Berlin, hatte, nachdem zu Beginn des Jahres der schwedische Skanska-Konzern vom Tacheles- Projekt abgesprungen war, bislang 120 Millionen Mark geboten. 90 Millionen Unterschied, die entscheidend sein können: Während Fundus mit den Tacheles-Betreibern weitgehend einig geworden ist, äußerte ASSCA-Vertreter Werner Hastenrat gegenüber der Presse, daß „der Dreckshaufen” langfristig weg müsse. Zwar bezeichnete Nagel das Angebot der ASSCA als „totale Luftnummer”. Für den Fall aber, daß die Firma von der für den Verkauf zuständigen Oberfinanzdirektion des Bundes (OFD) den Zuschlag erhalten sollte, kündigte Nagel an, planungsrechtlich alles daransetzen zu wollen, „damit das Projekt des Scheichs nicht zum Zuge kommt”.

Womöglich muß der Bausenator seine Ankündigung bald wahr machen. Gegenüber der taz verriet der Sprecher der OFD, Helmuth John, daß die ASSCA in der Ausschreibung weit vorne liege und zusammen mit Fundus zu „den beiden aussichtsreichsten Bewerbern” gehöre. Um fehlende Finanzierungsunterlagen nachzureichen, habe die OFD die Ausschreibung zuletzt bis zum 16. September verlängert. Dann soll eine endgültige Entscheidung fallen. Der Erhalt des Tacheles spielt dabei offenbar keine Rolle. Seine Behörde, wiederholte John, habe den Auftrag, Grundstücke zu verkaufen und nicht, Kulturpolitik zu betreiben. Wenn der Senat das Tacheles erhalten wolle, müßten entsprechende Mittel aus dem Landeshaushalt bereitgestellt werden. Dann, so John, „müßte aber der gesamten Off-Szene das Geld weggenommen und weitere Theater geschlossen werden”.

Der Countdown für Berlins berühmteste Off-Meile läuft also. Aufgeschreckt vom Märchen aus Tausendundeiner Nacht, das sich bald als Alptraum erweisen könnte, erklärte sich das Tacheles „mit sofortiger Wirkung als unverkäufliches Gesamtkunstwerk” und erinnerte an die Willenserklärung des Abgeordnetenhauses, das Kunsthaus in die Gesamtbebauung des Geländes zu integrieren. „Falls die Blöcke ohne Prüfung der stadtplanerischen Leitlinien und immateriellen Gewinne für die Stadt meistbietend verscherbelt werden”, drohte Tacheles-Sprecher Jochen Sandig, „bahnt sich ein politischer Skandal an.”

Den zu verhindern ist auch das Anliegen von Kultursenator Roloff-Momin. „Schulter an Schulter mit dem Tacheles”, ließ er über seinen Referenten wissen, wolle man sich dafür einsetzen, „daß diese wichtige Kultureinrichtung erhalten wird.” Berliner Kultur statt Bonner Finanzen? „Wenn sich die beiden zuständigen Senatoren für das Tacheles einsetzen”, versicherte Senatssprecher Eduard Heußen, „ist das auch die Meinung des Senats.” Uwe Rada

31.3.1994 | taz | Basisdemokratische Königswillkür

Verkauf des Tacheles an die Kölner Fundus-Gruppe beeinträchtigt den Alltag im Kulturzentrum vorerst nicht / Nach wie vor anarchistische Grundstimmung

Funken sprühen durch den Raum. Aus dem Ghettoblaster tönt Violinenmusik von Mozart. Ein mit Propangas betriebener Heizstrahler sorgt für punktuelle Wärme. Kemal Cantürk setzt seine Schweißerbrille ab und richtet sich auf. Besucher kommen bei winterlichen Temperaturen selten in seine Werkstatt im Erdgeschoß des Tacheles, weil nur im Sommer manchmal die Tür offensteht. „Falls ich nicht gerade meine Möbel entwerfe, finde ich es schön, wenn Leute sich meine Arbeit ansehen wollen. Dann nehme ich mir Zeit für sie”, erzählt er.

Der gelernte Schweißer und Bildhauer – mit seinen 44 Jahren ist er der älteste Mitarbeiter im Hause – war einer der Erstbesetzer des jetzigen Kunsthauses Tacheles im Bezirk Mitte. Gerne erinnert er sich an die anarchistische Atmosphäre der Wendezeit. „Wir haben hier auf der Straße gesessen mit Sofas. Jede zehn Minuten kam ein Auto vorbei”, erzählt er. Aber auch heute arbeitet er noch mit viel Enthusiasmus hier, weil andere Regeln gelten als in etablierten Kunsthäusern. „Basisdemokratische Königswillkür” nennt er das Tacheles-Prinzip. Wer Engagement zeigt, setzt sich auch gegen die anderen durch.

Da die 300.000 Mark Fördermittel im Jahr vom Senat nur für die Kunst gedacht sind, müssen die Betreiber bei anfallenden Bauarbeiten am Gebäude improvisieren. Viel diskutiert werde im Moment im Vorstand über die Möglichkeit des Sponsoring. Warum sollte die Firma Otis nicht im Tacheles einen Aufzug bauen und dafür auf den Ausstellungsplakaten verewigt werden? Oder die Recyclingfirma Alba Baustoffe dafür liefern, daß das Tacheles für sie Reklame macht? „Ich nehme an, demnächst sind wir soweit, aber wir lassen uns nicht von jedem sponsern”, sagt Cafébetreiber Ludwig Eben.

Wie lange die letzten anarchistischen Züge aufrechterhalten werden können, weiß niemand so genau. Was sich mit dem Verkauf des Areals rund um das Gebäude an den Kölner Investment-Fonds verbinden wird, auch nicht. Kemal jedoch ist zuversichtlich: „Das Tacheles gehört ja dem Land Berlin. Für uns als Betreiber ändert sich mit dem Verkauf erst einmal gar nichts. Baubeginn auf dem benachbarten Johannishof-Grundstück ist sowieso frühestens in drei bis vier Jahren.” Die Kölner Investoren gelten bei den Tacheles-Betreibern als das beste Übel, da ihr Bebauungsplan das Kunsthaus langfristig sichert. Auf dem Gebiet rund ums Gebäude sollen zu fünfzig Prozent Wohnungen entstehen. Wenn es allerdings nach den Künstlern selbst ginge, würde die freie Fläche als Skulpturenpark genutzt. „Berlin hätte es verdient, Kunst auf großem Raum auszustellen und nicht nur in Katakomben oder engen Galerien”, sagt Kemal.

Ausstellungsfläche ist auch im Kunsthaus Tacheles rar. Daher hat sich Kemal entschlossen, es seiner Nachbarwerkstatt gleichzutun und aus dem Arbeits- einen Präsentationsraum zu machen. Dann können die auf der Oranienburger Straße flanierenden Kneipenbesucher sich auch seine Werke ansehen.

Da Kemal findet, daß Kunstgegenstände auch genutzt werden sollen, stellt er hauptsächlich Möbel her. Ausschlaggebend dafür war damals die Einrichtungsaktion des Tacheles-Cafés. Nachdem die provisorische Inneneinrichtung von den Besuchern innerhalb kürzester Zeit gestohlen oder zerstört worden war, machten sich Kemal und andere Künstler daran, stabile Möbel zu bauen.

„Ich mag schwere Stühle, weil sie mit ihrem Gewicht den Platz selbst bestimmen. Einen 250 Kilo schweren Stuhl kann niemand so leicht vom Fleck bewegen”, sagt Kemal. Mit dem Cafébetreiber Ludwig Eben mußte er allerdings den Kompromiß schließen, daß Stühle und Tische zwar schwer aussehen können, aber trotzdem verrückbar sein müssen. Das Ergebnis ist eine Kombination aus hölzernen Sitzflächen und stählernem Gestell. Das Holz ist gekauft, den Stahl hat Kemal vom Schrott.

„Ich bin Schrottveredler. Wenn es geht, baue ich nur Möbel aus hundert Prozent Abfall, mit dem Anspruch, daß meine Produkte nie wieder weggeworfen werden, sondern von den nachfolgenden Generationen weiterbenutzt werden”, sagt er. In normalen Haushalten gebe es nur Gebrauchsgegenstände, die schnell kaputtgingen. Das fördere unter anderem die Unruhe.

Wenn der Künstler ohne Auftrag arbeitet, baut er gerne nur mit Metall. Zwei Stühle zieren im Moment seine Werkstatt. Verkaufen will er seine Schätze aber nicht unbedingt. „Es geht mir nicht darum, Geld zu verdienen, denn ich verstehe mich als Robin Art.” Gerne würde er Möbel bauen, so erzählt er, die schön und gleichzeitig für alle Interessenten erschwinglich sind.

Stefanie Ehnes


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