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11.8.1995 | taz | Theo und das Tacheles

Daß Kunst zuallererst Rezeption und eben diese eine recht geschmäcklerische Angelegenheit ist, wird keiner ernsthaft bestreiten. So gesehen hat sich das Tacheles als Gesamtkunstwerk zurückgemeldet. Nun kann endlich wieder aus den Kaffeesätzen gelesen werden. Theo und das Tacheles: Wer steckt dahinter?

Fünf Jahre lang haben sich die Tacheles-Betreiber über den Streit um die Zuständigkeit gefreut und keine Miete zahlen müssen. Einen Zustand, den der Kultursenator offenbar noch gerne verlängert hätte. Doch Pieroth wußte es besser. Keine Chance, das Gebäude für Berlin zu sichern, hieß es, und ungeklärte Eigentumsverhältnisse zu klären erfordere schließlich der Rechtsstaat.

Woher dieser Zeitdruck? Wollte da einer dem in Berlin nicht in allen Kreisen gelittenen Fundus-Magnaten Jagdfeld vors Knie treten (Lyrik). Oder der eine Kollege dem andern im Kulturressort eins auswischen (Komödie)? Ging es gar um Triviales? Unterschrieb da einer ein Stück Papier aus, sagen wir es einfach: bloßer Pflichterfüllung (Prosa). Daß hinter Pieroths Entscheidung, wie vom Kultursenator vermutet, ein Wahlkampfmanöver ums Tacheles steckt, darf freilich bezweifelt werden. Selbst ein CDU-Senator würde sich nicht entblöden, wahlkampfwirksam, also öffentlich, das Aus für das auch beim Goethe-Institut beliebte Off-Projekt zu verkünden. Zumal die Miete, die der Kultursenator zahlen müßte, auch wieder aus dem Landeshaushalt kommen würde. Es darf also interpretiert werden. Künstlerisch gesehen ist das nicht das Schlechteste. Das Kunsthaus als eigentumsrechtliche Installation im öffentlichen Raum – wann hat es im Tacheles eine derartige Rezeptionsästhetik zuletzt gegeben?

Uwe Rada

11.8.1995 | taz | Was tut Theo mit dem Tacheles?

Finanzsenator Pieroth übergibt Tacheles ins Bundesvermögen. Dort sieht man nun Handlungsbedarf
und meint: Verkaufen, Miete zahlen oder räumen. Die Betreiber fordern umgehend einen Runden Tisch

Verkauft werden, gegen eine drohende Räumung kämpfen oder Miete zahlen: Im Tacheles ist wieder alles möglich. Der Grund: Finanzsenator Elmar Pieroth (CDU) hat nun den jahrelang schwebenden Streit entschieden, ob das Tacheles-Grundstück dem Bund oder dem Land Berlin gehört. Fazit: Über das Tacheles verfügt ab sofort der Bonner Finanzminister Theo Waigel (CSU), in Berlin vertreten durch die Oberfinanzdirektion (OFD). Dort witterte man bereits Handlungsbedarf: Da der schwebende Zustand beendet sei und die OFD über das Gelände verfüge, meinte OFD-Mitarbeiter Jochen Kallabis, müsse man nun klären, ob man das Grundstück verkaufe, vermiete oder – im Falle einer Nichtvermietbarkeit – die Tacheles-Betreiber auffordere, das Gelände zu räumen.

Reichlich verschnupft über die plötzliche Entscheidungsfreude Pieroths gab man sich gestern beim Kultursenator und Tacheles- Freund Ulrich Roloff-Momin (SPD). „Wir haben den Finanzsenator aufgefordert, das Grundstück für das Land Berlin zu sichern”, meint Kultursprecher Ingolf Kern und witterte hinter Pieroths Coup ein Wahlkampfmanöver. „Ganz falsch”, meint dagegen Pieroth-Sprecher Klaus-Hubert Fugger. Mit der Zuweisung habe man nur die geltende Rechtslage bestätigt. „Auch der Finanzsenator wollte das Tacheles für Berlin sichern”, meinte Fugger, aber die geltende Rechtsprechung habe die Zuweisung an Bonn erfordert. Nun müßten, so Fugger, alle Beteiligten schnell verhandeln.

Grund für die verwirrende Situation ist die Eigentumssituation des Tacheles vor der Wende. „Als wir das Tacheles besetzt haben”, sagte ein Tacheles-Sprecher gestern, „wurde über das Gebäude nicht vom Magistrat, sondern von der Baudirektion der DDR verfügt.” Er räumte zwar ein, es habe keinen Zweifel daran gegeben habe, daß das Tacheles einmal dem Bund zugeschlagen werde. Eine Entscheidung zum jetzigen Zeitpunkt sei jedoch nicht zwingend gewesen und habe die seit fünf Jahren währende Schwebesituation ohne Grund beendet und Handlungsdruck geschaffen.

Daß der Pieroth-Zuschlag, entgegen den Beteuerungen der Finanzverwaltung, nicht zwingend gewesen sei, bestätigte auch OFD- Mitarbeiter Kallabis. „Aus unserer Sicht hätte die ungeklärte Situation noch eine Zeit dauern können”, meinte er. Nun aber müsse man handeln. Wie, das werde man in den nächsten Tagen entscheiden. Denkbar sei auch, daß der Kultursenator das Tacheles vom Bund miete.

Handlungsdruck gibt es nun auf allen Seiten. Nicht nur der Kultursenator wird womöglich entscheiden müssen, ob er für die plötzliche Pieroth-Entscheidung mit einer Mietsubventionierung in die Bresche springt. Auch der potentielle Investor für die Bebauung des Areals, die Kölner Fundus- Gruppe, könnte vor die Wahl gestellt sein, die Tacheles-Ruine nun schneller als gedacht von Finanzminister Waigel zu erwerben. Erst Anfang des Jahres hatte Fundus den Zuschlag von der OFD über das Grundstück erhalten und den Willen bekundet, das Kunsthaus in eine Bebauung des Geländes zu integrieren.

„Eine Gesamtlösung mit Fundus”, hieß es vom Tacheles, „braucht aber noch einige Zeit.” Daß die neue Eigentumssituation dazu führt, daß die OFD das Tacheles räumen läßt, glauben die Off-Künstler aber nicht: „Das ist nicht durchsetzbar, es gibt einen gültigen Senatsbeschluß zum Erhalt des Tacheles”, meinen die Betreiber. Sie fordern nun einen Runden Tisch, an dem alle Beteiligten so schnell wie möglich „Tacheles reden”.

Uwe Rada

1.6.1996 | taz | Stahl auf Steinfußboden

Zwei Autodidakten schweißen im Kunsthaus “Tacheles” an der Naht zwischen Skulptur und Möbel: Mitte Juni startet eine Ausstellung mit dem Titel “Silence”

Die weit geöffneten Metalltüren laden die Flaneure auf der Oranienburger Straße in die Metallwerkstatt des Kunsthaus Tacheles. Schweißgeräte, Schraubstöcke und rostiger Eisenschrott prägen den Arbeitsbereich der kargen Halle. „Beim Schweißen nicht in die Flamme gucken.” Der in ein Blech eingelassene Hinweis bleibt ohne große Wichtigkeit.

Das Interesse der Besucher richtet sich weniger auf den Produktionsprozeß als auf die Produkte. Verspielte Stahlgebilde, bei denen auch auf den zweiten Blick kaum klar wird, ob sie nur Metallskulputur oder vielleicht auch Möbeldesign sind.

„Der Übergang ist fließend, für mich sind das Skulpturen mit Gebrauchswert”, meint der 27jährige Arda, der zusammen mit Kenan Sivrikaya (35) in den vergangenen vier Jahren die offene Atelierwerkstatt aufgebaut hat. „Wir versuchen mit unseren Möglichkeiten, dem Metall eine plastische Form zu geben”, erklärt Sivrikaya die Grundidee ihrer Arbeit. Zunehmend berücksichtigt Sivrikaya ergonometrische Formen in seinen Objekten. Stolz lädt er zum Probesitzen auf einem schneckenartigen Gebilde. Eine metallische Kühle dringt durch die Kleidung, doch der „Sessel” ist trotz seiner Härte erstaunlich bequem. 250 Meter Schweißnaht findet man allein an diesem Objekt.

Nur wenige Arbeiten der Kaltschmieder sind im vorhinein konzeptuiert. „Altes Material hat seine eigene Ausstrahlung”, begründet Arda seine Vorliebe für den Werkstoff. Neben ihm am Boden wächst aus einer Metallplatte eine zusammengeschweißte Gliederkette, auf der ein Kranhaken sachte schwankt. „Solche Stücke sehe ich auf dem Schrottplatz oder auf dem Flohmarkt, und dann kommt mir eine Idee.” Arda glaubt, daß die von Menschen geformten Werkstücke, die er weiterverarbeitet, bereits menschliche Formen enthalten. „Manchmal muß man gar nicht viel dazu tun. Die Inspiration kommt dann bei der Arbeit. Das Resultat ergibt sich erst zum Schluß.”

Entsprechend vielfältig sind die Ergebnisse. Eine geradlinige Garnitur, deren Sitzmöbel erst durch aufgesetzte Holzlehnen eindeutig ihrer Funktion zugeordnet werden können. Wild verspielte Gebilde mit aufgesetzten Hörnern, die man bei gutem Willen auch als Stuhl bezeichnen könnte. Drachen- und vogelähnliche Phantasiefiguren, die mal nur Skulptur, mal auch Garderobe oder Kerzenständer sind.

Bei seinen neueren Arbeiten löst sich Arda zunehmend von den formvorgebenden Metallstücken. Er hat eine Vorliebe für die Verwendung von Kleinstmaterial entwickelt. Zuerst hatte das nur praktische Gründe. „Je kleiner die Sachen sind, desto leichter kann man ihnen eine Form geben”, erzählt der Metaller. „Inzwischen hat sich aber eine eigene Ästhetik daraus ergeben.” Bis zu zwei Meter hohe Stuhlgebilde schweißte er aus Metallplättchen und Schrauben zusammen.

Kunstschulen hat keiner der beiden besucht. Kenan Sivrikaya datiert seine autodidaktische Hinwendung zur Kunst bereits auf sein elftes Lebensjahr. Arda versuchte sich zunächst als Mediziner, brach das Studium jedoch ab und ging zunächst nach Japan, wo er sich dem Butoh-Tanz widmete. Als Darsteller und Tänzer des „Theatre Malade” reiste er durch Europa, bevor er in Berlin hängenblieb und im Tacheles mit den Metallarbeiten begann. „Das Material hatte mich schon immer fasziniert. Vielleicht gibt es da eine natürliche Affinität, ich bin ja ein großgewachsener Mann”, erklärt sich Arda seine Hinwendung zum harten Werkstoff. Inzwischen können beide von den Verkäufen ihrer Arbeiten leben. Die Preise seien nicht elitär, meint Arda. Ein Stuhl koste etwa zwischen 1.000 und 2.000 Mark, was bei den hohen Kosten für die Schweißtechnik angemessen sei. Zudem sei jedes Stück ein Unikat. Optimal sei ein Käufer, der genügend Platz hat, um die Objekte zur Geltung zu bringen, hofft Arda, auch wenn ihm klar ist, daß er darauf keinen Einfluß hat. „Auf Steinfußboden vielleicht, wo eine schöne Musik spielt oder Stille herrscht.” Die eigenwilligen Skulpturen brauchen eine Umgebung, in der sie sich entfalten können.

Ihre Werke seien bodenständig, meinen die Künstler, sie strahlen eine Ruhe aus. „Silence” wird daher auch ihre für Mitte Juni geplante Ausstellung heißen, in der sie die letzten vier Jahre resümieren wollen. Adar reizt der Kontakt mit den Besuchern. „Eigentlich arbeiten wir nicht für das breite Publikum, bekommen aber trotzdem größtenteils Zustimmung.” Zudem könnten sie, anders als in den klassischen Galerien, die verschiedenen Entwicklungsstadien der Objekte miterleben. „Beim ersten Besuch liegt einfach nur Material in der Ecke, beim nächsten Mal ist es in einer Skulptur verbaut, und beim dritten Besuch hat sich diese wahrscheinlich nochmals verändert, da wir auch an bereits ausgestellten Objekten weiterarbeiten.” Nach der Ausstellung wollen Arda und Sivrikaya die Idee des offenen Ateliers weitertragen. Für einige Monate werden sie in Kopenhagen arbeiten. Und auch Japan steht nach dem Abstecher Richtung Skandinavien wieder auf Ardas Fahrplan. Gereon Asmuth

8.6.1996 | taz | Das Ei des Tacheles

Kleinteilige Bebauung durch den Investor Jagdfeld wird jetzt in der Bürgerbeteiligung diskutiert. Alle loben den “städtebaulich gelungenen Entwurf”

Die Baustadträtin von Mitte, Karin Baumert, war begeistert: „Ein städtebaulich gelungener Entwurf.” Der potentielle Investor Anno August Jagdfeld übte sich im Understatement: „Urbanität kann ein Investor allein nicht schaffen.” Einzig die Tacheles-Künstler vermißten konkrete Zusagen über die Sicherung ihres Kunsthauses. „Doch darum”, sagte Karin Baumert, „geht es hier gar nicht.”

Worum es gestern der Baustadträtin, dem Investor und der Projektleiterin Toni Sachs Pfeifer ging, war die vorgezogene Bürgerbeteiligung im Bebauungsplanverfahren für das Tacheles-Gelände zwischen Oranienburger und Johannisstraße. Zur Diskussion steht ein städtebaulicher Entwurf, der für Berliner Verhältnisse in der Tat außergewöhnlich ist. Das Gelände soll nicht nur mit bis zu 40 einzelnen Gebäuden kleinteilig bebaut werden. Auch der angedachte – allerdings freifinanzierte – Wohnanteil ist mit 50 Prozent sehr hoch angesetzt. Auf dem Gelände hinter dem Tacheles soll sogar ein öffentlicher Platz, das „Ei am Tacheles”, entstehen und durch eine Stichstraße von der Friedrichstraße aus erschlossen werden. Zu guter Letzt solle das denkmalgeschützte Tacheles baulich gesichert und als Kunsthaus in das Projekt „Johannisviertel” integriert werden, sagte Investor Jagdfeld, der das gesamte Projekt auf insgesamt 23.000 Quadratmeter Grundstücksfläche auch als „Experiment” begreift. Dabei gehe es ihm weniger darum, das Logo Tacheles zu vermarkten, als vielmehr darum, einen innovativen Kulturstandort zu sichern.

Bis zum Jahre 2002 soll das künftige Johannisviertel fertig sein und nach den Worten der Baustadträtin Baumert den „Übergangsbereich zwischen Spandauer Vorstadt und City” markieren. Bis dahin müssen aber nicht nur die eigentumsrechtlichen Fragen gelöst werden, sondern auch die kunstpolitischen. Die Tacheles-Betreiber würden das gesamte Gelände nämlich am liebsten unbebaut sehen und befürchten, vom Investor lediglich als Aushängeschild benutzt zu werden.

An der städtebaulichen Qualität des Entwurfs, dessen konkrete Architektur nach Angaben von Projektentwicklerin Pfeifer auch mit den künftigen Nutzern abgestimmt werden soll, wollte allerdings niemand zweifeln. Der Grund: Der ursprüngliche Entwurf der schwedischen Skanska- Gruppe sah nicht nur eine 80prozentige gewerbliche Nutzung, sondern auch eine völlige Überbauung des Grundstücks im Großformat vor.

Uwe Rada

19.6.1996 | taz | Freiraum oder bloße Kulisse?

taz-Serie „Das Verschwinden des öffentlichen Raums” (Teil 1): Der Streit um die Bebauung
der Tacheles ist auch ein Kampf um das Verständnis von Urbanität   Von Uwe Rada

Toni Sachs Pfeifer ist von ihrem Modell überzeugt. Drei Jahre lang hat die in New York geborene Kommunikationsforscherin geredet, geplant, Interviews geführt und verhandelt. Drei Jahre Arbeit investierte sie für ein städtebauliches Modell, das für Berliner Verhältnisse tatsächlich ungewöhnlich ist. Auf 23.000 Quadratmetern Grundstücksfläche im Zentrum der Stadt soll eher gekleckert als geklotzt werden, sind 40 einzelne Häuser statt massiver Kubatur, fünfzig Prozent Wohnanteil und überdies ein Platz vorgesehen, der – um den ambitionierten Vorhaben eine urbane Programmatik zu verleihen – dem Projekt auch noch seinen Namen gibt: „Das Ei am Tacheles im Johannisviertel”.

Das klingt nicht schlecht, wird doch allenthalben über den Verlust an städtischer Öffentlichkeit, die Ödnis innerstädtischer Bürolandschaften, gar über die Privatisierung der Stadt lamentiert. Toni Sachs Pfeifer scheint sich in ihrer Planung für die Kölner Fundus- Gruppe das „Urbane” dagegen geradezu auf die Fahnen geschrieben zu haben. Ein „neues Quartier mit den bekannten Tugenden der Berliner Mischung” schwebt ihr und dem Planungsbüro Michael Lowe/ Arup Urban Design für das Tacheles-Areal zwischen Oranienburger und Johannisstraße vor: Wohnen, Arbeiten, Einkaufen, Freizeit und Kultur sollen bis zur Fertigstellung des Johannisviertels im Jahre 2002 „eng miteinander verwoben” sein.

Dem städtebaulichen Leitbild der Entmischung städtischer Strukturen von Wohnen, Arbeiten und Freizeit und damit der rationalen, fragmentarischen Stadt der Moderne überhaupt soll zugunsten eines öffentlichen Ortes eine radikale Absage erteilt werden. „Tag und Nacht”, versprechen die Planer, „wird das Johannisviertel kein Ort sein, den man nach Dienstschluß verläßt, sondern ein Stück Stadt mit allen Gegensätzen und Spannungen, aller Lebendigkeit und Erlebnisvielfalt, die ein innerstädtisches Quartier entfalten kann.” Doch ist es tatsächlich möglich, großstädtisches Leben, das „angestrebte Stück Stadt mit allen Gegensätzen und Spannungen” am Reißbrett zu entwerfen? Ist es denkbar, dem schleichenden Verlust an öffentlicher Kommunikation eine neue Idee städtischen Lebens entgegenzusetzen, wenn man nur kleinteilig und urban genug baut?

Der Stadtsoziologe Hartmut Häußermann ist skeptisch. „Wenn man von Urbanität spricht”, klagt er, „sind heute meistens Äußerlichkeiten gemeint, etwa kulinarische Angebote, mit denen der Konsument unterhalten werden soll.” Urbanität, verstanden nicht nur als Bild des Städtischen, sondern deren Wirklichkeit, kann für Häußermann nur dann entstehen, „wenn es auch Orte gibt, die nicht der ökonomischen Verwertung unterworfen sind, Orte, die sich nicht verplanen lassen, deren Nutzung den Nutzern vorbehalten bleibt”. Im Klartext: Eine Straße oder ein Platz, an dem man sich auch auf den Bürgersteig setzen kann, ohne vertrieben zu werden, an dem man sich ausruhen kann, an dem man entlangehen und an jeder Ecke Neues entdecken kann, den zu erreichen man gerne einen Umweg in Kauf nimmt, der einen damit vom geraden Weg abbringt, ein Ort, der einen fordert und gleichzeitig nicht nötigt.

Warum aber sollte man einen solchen Ort an einer Stelle schaffen, wo es ihn bereits gibt? Gerade die Tacheles-Ruine mit der dahintergelegenen Freifläche ist für viele seiner Nutzer ein innerstädtisches Areal, dem das Wechselspiel von Öffentlichkeit und Intimität, die Voraussetzung dafür, daß ein Platz auch als Kommunikationsort genutzt wird, zu eigen ist. Ein Platz ganz nach dem Geschmack von Häußermann: „Das Typische und Aufregende an städtischen Szenen ist, daß man mit etwas konfrontiert wird, das man nicht erwartet. Und dazu gehört natürlich auch das Widerständige, das Anarchische.”

Ludwig Eben, ein Maler, der seit der Besetzung 1990 im Kunsthaus an der Oranienburger Straße arbeitet, muß erst gar keine Visionen entwerfen, wenn er von öffentlichem Raum spricht. Dieser Raum ist für ihn vielmehr existent – als Skulpturenpark, Biergarten, Grünfläche oder als Ort für allerlei Selbstdarstellungen. Es ist die Freifläche, die mit der Tacheles-Ruine korrespondiert und damit ein eigentümliches Amalgam aus Vertrautheit und Anonymität, einen Ort voller Überraschungen schafft. „Neulich wurden im Friedrichstadtpalast Mozarttage veranstaltet”, erzählt Eben. „Im Anschluß an die Vorstellung kamen die Musiker dann auf unsere Freifläche, haben ihre Instrumente wieder ausgepackt und eine spontane Session veranstaltet.”

Während Pfeifers „Ei am Tacheles”, das sich immerhin durch das wirtschaftliche Wagnis auszeichnet, eine kleinräumliche Metrik, einen kooperativen Planungsansatz mit den künftigen Nutzern und eine Subventionierung der sozialpolitisch sinnvollen Projekte umsetzen zu wollen, an jedem anderen Ort der Stadt einen planerischen Impuls geben würde, wäre es für das Tacheles-Gelände tatsächlich mit einem Verlust an Öffentlichkeit, Spontaneität und Freiraum verbunden. Trotz des inflationären Gebrauchs des Begriffs Urbanität darf ja immerhin als unbestritten gelten, daß die städtische Lebendigkeit in der gebauten Wirklichkeit innerstädtischer Quartiere oft noch vorhanden ist, während sie dort, wo sie als Baumasse geplant ist, bis zum Beweis des Gegenteils nichts anderes ist als ein locker daherformulierter Anspruch.

Wenn die Tacheles-Betreiber an den von Toni Pfeifer geplanten Platz, das „Ei am Tacheles”, denken, packt sie schon jetzt das Grauen: „Da ist dann kein Leben mehr, sondern nur noch die Inszenierung von dem, was sich Stadtplaner als Leben vorstellen”, sagt ein Bildhauer. Entsprechend verhärtet sind die Fronten. Mittlerweile rüstet sich das Tacheles zum Kampf um seinen öffentlichen Freiraum: „Freisetzung von Kreativität setzt die Gewährung nicht verplanter Flächen oder von der Planung nicht betroffener Leerstellen voraus”, heißt es in einem Manifest der Tacheles-Künstler, mit dem sie ihre Ablehnung gegen das städtebauliche Modell von Toni Sachs Pfeifer und der Fundus-Gruppe auch auf einen künstlerischen Nenner bringen wollen.

Der seit Vorliegen der Pläne für das Johannisviertel ausgebrochene Streit um die Tacheles-Bebauung ist aber nicht nur ein Konflikt zwischen den um ihren Freiraum besorgten Künstlern und den Kunstpolitikern, zwischen den Vertretern des „Möglichkeitssinns” und des „Wirklichkeitssinns” (Robert Musil). Er verweist auch auf eine ungeklärte Debatte unter den Theoretikern des Urbanen: Sind die Auflösungserscheinungen unserer Gesellschaft ein (zumindest mittelbares) Ergebnis der Auflösung unserer Städte in reine Schlaf-, Wohn- und Amüsiermaschinen? Dies würde ja bedeuten, daß sich der Mangel an gesellschaftlicher Kommunikation durch die Rückbesinnung auf die urbanen Qualitäten der europäischen Stadt wieder beheben ließe. Oder aber ist die Auflösung der Städte ein Ausdruck veränderter menschlicher Kommunikation? Brauchen wir in einer Zeit, in der jedes private Thema in Talk-shows halböffentlich verhandelt wird, tatsächlich noch den öffentlichen Stadtraum?

Toni Sachs Pfeifer und den Planern des künftigen Johannisviertels, so hat es den Anschein, genügt es, wenn die äußeren Insignien eines Platzes vorhanden sind und sich mit den Insignien der modernen Bindestrich-Kultur, soll heißen, der Körper-Kultur, der Kneipen-Kultur, der Kino-Kultur (Ulrich Greiner) vermischen. Vor allem hinsichtlich der geplanten Nutzungen als Diensleistungs- und Amüsierort verspricht das „Ei am Tacheles” tatsächlich den Charme einer Einbauküche, in der jedem Teil des Inventars ein bestimmter Platz zugewiesen ist.

Verglichen mit dem Ist-Zustand der Tacheles-Freifläche würde öffentliches Leben an diesem Ort eher absorbiert als hervorgebracht werden. Der Architekt Carl-Georg Schultz, der die Tacheles- Künstler unterstützt, fragt sich deshalb zu recht, ob „eine wirkliche Verknüpfung zwischen den nun wirklich sehr unterschiedlichen Welten der Spitzengastronomie” und etwa dem aktuellen Kunst- Schrott-Projekt denkbar sei.

Überhaupt: Das „Ei” sieht den zahllosen Piazze, wie sie die Postmoderne in der Vergangenheit hervorgebracht hat, zum Verwechseln ähnlich. Das Kunsthaus selbst wäre nur noch Teil der Kulisse des künftigen Johannisviertels: In der Sichtachse des Torbogens des ehemaligen Passagenkaufhauses steht ein Medienturm. Ringsherum säumen Läden, Bistros und Galerien den Platz.

In seinem Buch „Die zweckentfremdete Stadt” kritisiert Andreas Feldtkeller den Topos der innerstädtischen Piazza damit, daß ihre Funktion nichts anderes sei, als das Zurschaustellen der Architektur, die die Piazza umrahme. Die Nutzungen dienten dabei lediglich der Unterhaltung derjenigen, die hierher kämen, um das Raumerlebnis der Piazza zu bewundern.

In der Tat wäre auch der neue Platz am Tacheles, das „Ei”, kein Ort mehr, der aus dem städtischen Kontext lesbar wäre, sondern aller Voraussicht nach ein künstliches Gebilde, dem die Topoi der bürgerlichen Stadtentwicklung, Komfort und Konsum, ihren Stempel aufdrücken.

Für die Tacheles-Künstler ist die Frage lebendiger Platz oder inszenierte Piazza damit zu einer Überlebensfrage geworden. In ihrem Manifest schreiben sie an anderer Stelle: „Kunst – ,die Freiheit nicht funktionieren zu müssen’ – stellt in Frage und reflektiert in Abhängigkeit von der Zeit, in der sie geschieht”.

In ihrem Sinne konsequent haben sie deshalb den Kampf um ihre Freifläche, den öffentlichen Raum überhaupt auf einer Veranstaltungsreihe mit dem programmatischen Titel „Hochgeschwindigkeitsarchitektur” zum politischen und künstlerischen Ziel erkoren. Der Standort Tacheles ist für eine solche Debatte ohnehin ein Ort, der verpflichtet. Schließlich war der 1908/1909 von Ahrens erbaute Stahlskelettbau durch seine Nutzung als Passagenkaufhaus bereits selbst ein Baustein in der Geschichte des Verschwindens städtischer Öffentlichkeit.

Für den Urbanitätsforscher Hartmut Häußermann ist das Tacheles sogar ein symbolischer Ort, an dem – an der Scharnierstelle zwischen der hinsichtlich ihrer Nutzungen entmischten City und dem urbanen Quartier der Spandauer Vorstadt – der Kampf um den öffentlichen Raum stellvertretend für Berlin ausgetragen wird. Es ist freilich ein ungleicher Kampf, denn außer Manifesten und einer Debatte unter Theoretikern haben die Verfechter des Urbanen dem Verwertungsdruck der Investoren nur wenig entgegenzusetzen. Auch Häußermann setzt deshalb auf einen Kompromiß, der nicht nur für das Tacheles gelten soll: „Weil wir jetzt überhaupt noch nicht abschätzen können, wie wir all die Flächen, die bereits verplant und bebaut sind, in zehn Jahren einmal wahrnehmen werden, muß ab sofort ein Planungsmoratorium durchgesetzt werden.”

30.9.1996 | taz | Radunskis Kulturkampf

Derzeit weilt Kultursenator Radunski in den USA, um sich über privates Kultursponsoring zu informieren. Daß sich Kultur rechnen lassen muß, darauf hatte der CDU-Mann bereits öfter hingewiesen. Daß der Senat mit einer Nacht-und-Nebel-Aktion allerdings das Tacheles zur Räumung freigibt, ist eine neue Qualität. Bislang hatte der Widerspruch von Radunskis parteilosem Vorgänger Roloff-Momin gegen die Übertragung des Tacheles an die OFD die Eigentumssituation in der Schwebe gehalten. Nunmehr freilich gilt nur noch das Verwertungsinteresse Theo Waigels. Investor Jagdfeld hat auf seine Weise bereits darauf reagiert und versucht – den Zeitdruck im Rücken – das Kunsthaus nunmehr zu erpressen. Doch Tacheles hat bereits signalisiert, daß es einen Erhalt um jeden Preis nicht geben wird. Lieber will man ein „Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende”. Kampflos werden die Künstler an der Oranienburger ihre Ruine freilich nicht räumen. Bislang gingen der Ausverkauf der Stadt an die Bundesregierung und private Investoren sowie die Streichungen im Kulturbereich vergleichswiese ruhig über die Bühne. Eine Räumung des Tacheles, für dessen Erhalt der Senat im Wort steht, könnte allerdings jener Anlaß sein, der noch so manchen Stein ins Rollen bringt.

Uwe Rada

30.9.1996 | taz | Kultursenator gibt Tacheles zum Abschuß frei

Nachdem der Senat dem Eigentümerwechsel an den Bund zugestimmt hat, stehen Tacheles und der
Investor Fundus unter Druck. Fundus will Tacheles nur noch 10 Jahre sichern. Der Bund will räumen

Die Situation um das Tacheles hat sich dramatisch zugespitzt. Der Grund dafür ist die Entscheidung von Kultursenator Peter Radunski (CDU), der Eigentumsüberschreibung des Kunsthauses und diverser anderer Grundstücke auf dem Tachelesgelände an den Bund zuzustimmen. Die Kulturverwaltung gab damit ihre ablehnende Haltung gegenüber einem Beschluß des ehemaligen Finanzsenators Elmar Pieroth auf, der im August 1995 entschieden hatte, die Grundstücke dem Bund zu überschreiben.

Die Oberfinanzdirektion (OFD), die die Grundstücke des Bundes verwaltet, hat in internen Gesprächen mit der Kulturverwaltung und dem potentiellen Investor, der Kölner Fundus-Gruppe, bereits durchblicken lassen, daß das Gebäude nicht verkehrssicher sei, und eine Räumung angedroht.

Mit der neuen Linie des Kultursenators wird der Bund bereits in vier bis sechs Wochen als Eigentümer im Grundbuch eingeschrieben sein. Falls die Räumung des Tacheles abgewendet werden soll, müßte innerhalb dieses Zeitraums der Verkauf des Geländes an die Fundus-Gruppe unter Dach und Fach gebracht werden.

Doch bislang scheint eher das Gegenteil der Fall zu sein. Die Fronten zwischen dem Investor, der auf dem Gesamtgelände das städtebauliche Projekt „Ei am Tacheles” entwickeln will, und dem Tacheles-Verein haben sich sogar verschärft. So bietet Fundus-Chef Anno August Jagdfeld den Off- Künstlern nur noch einen Nutzungsvertrag für die Dauer von
10 Jahren an. Ursprünglich war die Subventionierung der Kunstruine für 30 Jahre vorgesehen. Seinen Rückzieher begründete Jagdfeld damit, daß sich mit den schwierigen Verkaufsverhandlungen das Projekt verschoben habe und „die Möglichkeiten der Sonderabschreibung als Investitionshilfe verlorengegangen” seien.

Zuvor hatte das Tacheles Jagdfeld erneut aufgefordert, das Kunsthaus in Form einer Stiftung zu erhalten. Doch auch dies lehnte Jagdfeld mit Hinweis auf die Verzögerungen ab. Jagdfeld wörtlich: „Der von der Senatsverwaltung und der Oberfinanzdirektion vorgegebene enge Zeitrahmen zwingt uns, schwierige Verträge in einem kurzen Zeitraum zu verhandeln und abzuschließen.”

Mit der ablehnenden Haltung Jagdfelds gegenüber dem Stiftungsmodell und der Reduzierung eines möglichen Nutzungsvertrags auf 10 Jahre ist der Konflikt um das Tacheles programmiert. Daß sich der Tacheles-Verein nicht um jeden Preis in das Fundus-Projekt integrieren lassen will, war in der Vergangenheit deutlich geworden. So forderte das Kunsthaus immer wieder den Erhalt der Freifläche hinter der Tachelesruine. Fundus selbst will das Gelände bebauen und hinter der Ruine einen Platz schaffen, an dem sich auch Bistros und Spitzengastronomie ansiedeln sollen. Eine Abspaltung des Tacheles, die Initiative „ID-Tacheles”, arbeitet dagegen eng mit dem Investor zusammen. Dirk Cleslak von „ID-Tacheles” wertete die Entscheidung Radunskis gestern als Reaktion auf die Streitigkeiten im Tacheles. Die Initiative, deren Vertreter im letzten Jahr die Mehrheit im Vereinsvorstand verloren hatten, hatte in den letzten Monaten immer wieder die skeptische Haltung des neuen Vereinsvorstands gegenüber Fundus sowie die künstlerische Entwicklung kritisiert.

Uwe Rada


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