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9.05.2011 | Tagesspiegel | Brückenbau der Tacheles-Künstler kommt langsam voran

Am Sonnabend wurde auf der Oranienburger Straße für die Erhaltung des umkämpften Kunsthauses Tacheles demonstriert. Eine Skulptur, die eine Mauer im Torbogen überbrücken soll, ist noch nicht fertig.

Rund 250 Demonstranten lauschten Bands und den Reden von Dr. Motte, Martin Reiter und Lothar Küpper. Gleichzeitig fanden mehrere Kunst-Performances statt. Eine Brückenskulptur aus Metallrohren, die von den Tacheles-Metallarbeitern zur Demo geplant war, konnte nicht rechtzeitig fertiggestellt werden. Lediglich der Turm stand ab 17 Uhr im Hof. Das Konstrukt überragt die Mauer um mehr als das Doppelte und soll nun am kommenden Sonnabend vollständig eröffnet werden.

Die Spannungen zwischen dem Sicherheitsdienst und den verbleibenden Künstlern nehmen zu. Der Sicherheitsdienst hat vor, bei der Überbückung die Polizei zu rufen. Diese geht nach eigenen Angaben davon aus, die Überbrückung nicht verhindern zu können.

Der Künstler Kihs, im Tacheles auch als Stevie bekannt, hat eigenen Angaben zufolge ein Angebot für seine Hütte mit Baumhaus in der hinteren rechten Ecke der Freifläche von Investorenanwalt Schultz abgelehnt. Kihs sagt, der Betrag von “weniger als zehntausend Euro” sei viel zu niedrig gewesen, darüber hinaus werde er nur in Absprache mit den anderen Hofnutzern agieren. Auf der Freifläche sind sich die Leute einig, dass der Künstler Pete Missing für seine Überschrift und Auszug von der angrenzenden Parzelle 5000 Euro genommen haben soll.

Seit März bedienen sich die kapitalstarken Investoren einer neuen Methode, um die Künstler loszuwerden: die Besetzer werden für das Ausziehen und Überschreiben ihrer Besitzrechte an die Investoren mit beachtlichen Geldsummen entlohnt. Hüseyin Arda, Leiter der Metallwerkstatt und einer der ursprünglichen Besetzer der alten Kaufhausruine, erhielt Anfang März das erste Angebot. Für 100 000 Euro sollte die Hofpartie geräumt werden, auf der die Metallwerkstatt steht. Dieses Angebot und ein weiteres, das Ende April gemacht wurde und 300 000 Euro bot, wurden beide öffentlich abgelehnt.

Die Tacheles-Künstler sind sich darüber einig, was dann passierte. Peter Multhaup, Betreiber des Studio 54 und des High End 54, soll sich mit einem Vorschlag über ein Auszugsentgelt Mitte März an die Investoren gewandt haben, woraus die Millionenzahlung entstanden sei, die die Räumung der größeren Teile des Hofes und der Gastronomie Anfang April zur Folge hatte. Investorenanwalt Michael Schultz redet offen von der Zielsetzung, die Freifläche möglichst schnell zu räumen. So kam es Freitag zum Auszug des Künstlers Pete Missing. Der schloss einen Vertrag mit Schultz, dessen Inhalt bis auf eine finanzielle Entschädigung in unbekannter Höhe für Missing unklar ist. Die Folge: ein Teil der verbleibenden Freifläche im Hof ist mit Bauzäunen abgesperrt und unzugänglich gemacht worden. Der Ausverkauf geht also weiter – das Tacheles geht den Berlinern scheibenweise verloren. Jakob Hauser

18.05.2011 | Neues Deutschland | Ehrenwerte im Exil

Die Ausstellung »May Be – CAM in Berlin« beleuchtet das internationale Phänomen Mafia

Zunächst muss man sich durch eine Ansammlung mutmaßlicher Mörder hindurch drängeln. Auf mannshohen Fotos, von der Decke hängend, versperren international gesuchte Mafiosi den Eingang zur Ausstellung »May Be – CAM in Berlin« im Kunsthaus Tacheles. Der Untertitel der Exposition des Casoria Contemporary Art Museums (CAM) – »They could live in Germany« (sie könnten in Deutschland leben) – provoziert zusätzliche Wachsamkeit. War der Passant gerade etwa der untergetauchte Michele Zagaria?

Doch nicht anti-italienische Paranoia soll hier geschürt werden. Im Gegenteil, geht es den in und um Neapel verorteten Foto- und Installationskünstlern darum, die Mafia als internationales und eben nicht regionales Problem zu begreifen, das auch in Deutschland längst angekommen ist. Thematisiert wird in der kleinen, aber feinen Schau auch, wie durch eine heuchlerische Koalition aus Mafia, Medien, Staat und Kirche die gesamte Gesellschaft bis hin zu den Kinderspielen von Gewalttätigkeit und Bigotterie durchdrungen ist.

Fotograf Antonio Manfredi, auch Chef des CAM, hat für seine eingangs beschriebene Kompilation der Kriminellen die Köpfe der Fahndungsfotos auf betont »normale« Körper montiert. Hier wäre allerdings die Motivation interessant. Sind Mafia-Körper anders? Und: Bemüht sich die »ehrenwerte Gesellschaft« nach außen hin nicht sowieso um Normalität und Unauffälligkeit – schon aus professionellen Gründen?

Das verstörendste Werk bildet ausgerechnet spielende Kinder ab. Das großformatige, authentische Foto von Fulvio Di Napoli zeigt, wie sich ein kleines, hockendes Mädchen mit verbundenen Augen in eine gespielte, mafiatypische Hinrichtung fügt. Die Scharfrichter, zwei ebenso kleine Jungs, halten dem Opfer eine Spielzeugpistole ins Genick. Wie hier die grausame Welt der Erwachsenen aus blinder Schicksalsergebenheit und blutiger Machtausübung nachgeahmt wird, ist berührend.

Einen stillen Schrei hat die Fotografin Monica Biancardi eingefangen. Eingelassen in einen Fenster-Rundbogen in der bröckeligen Galeriewand, sieht man eine trauernde Witwe. Das Gesicht hinter einem Tuch verborgen, beweint sie ein Mafiaopfer. Zwar beteiligen sich auch Frauen am brutalen Geschäft von Camorra, Cosa Nostra oder `Ndrangheta, zählen also auch teilweise zu den Tätern. Ungleich öfter jedoch sind sie die Leidtragenden der Konflikte in dieser Männerwelt.

Ein wahres Gruselkabinett ist die »Wunderkammer« betitelte Installation von Sebastiano Deva. Das Stillleben »Santa Muerte«, bestehend aus Gucci-Tasche und Totenschädel, repräsentiert sowohl die Gewalt als auch das Geld – die zwei wichtigsten Säulen der Mafia-Herrschaft. Die wahnsinnige Mischung aus Killern, Kirche und Konservatismus bringt eine Fotostrecke zu einer Prozession der Selbstkasteiung auf den Punkt. Mit nägelgespickten Schwämmen fügen sich Maskierte Wunden zu, um sich von ihren Sünden reinzuwaschen. Laut Experten befinden sich unter den an den Ku-Klux-Klan erinnernden Kapuzen auch viele Mafiosi auf der Suche nach Erlösung. Verhaftet werden sie allerdings nicht – angeblich aus religiösem Respekt.

Laut Tacheles schlug die Ausstellung Wellen bis nach Italien. So habe sich die Partei Sivio Berlusconis, Popolo della Libertá (PDL), in Pressemitteilungen gegen diese »für Italien rufmörderische« Ausstellung gewandt, erklärt Kuratorin Barbara Fragogna. CAM-Chef Manfredi wiederum erregte Aufsehen, als er im Februar Kanzlerin Angela Merkel öffentlich um Asyl für sein Museum bat. Er habe es satt, wegen seiner Arbeit von der Mafia bedroht zu werden – in einem Land, das sehenden Auges sein kulturelles Erbe verfallen lasse. Merkel hat nicht reagiert – das Tacheles schon.

Bis 3. Juni, Kunsthaus Tacheles, Oranienburger Straße 54-56, Infos unter Tel.: (030) 282 61 85

21.05.2011 | Wiener Zeitung | Das haltbare Provisorium

Das Kunsthaus “Tacheles” in der Oranienburger Straße in Berlin ist ein Bau, an dem sich die Geschichte des 20. Jahrhunderts ablesen lässt.

Es gibt nur wenige Gebäude, die für die führenden Institutionen deutscher Geschichte so vollständig und repräsentativ als Bühne dienten wie das Berliner Kunsthaus Tacheles. Inzwischen firmiert es in vielen Touristenführern als “Kulturruine”. Deren über hundertjährige Baugeschichte kennt man ganz gut. Die Nutzungsgeschichte ist jedoch nur oberflächlich und lückenhaft bekannt. Dabei wäre hier noch eine Menge spannender Geschichte und Geschichten zu heben! Fest steht nur, dass sich im heutigen “Tacheles” zu allen Zeiten durchgehend und ausnahmslos epochentypische Institutionen etabliert hatten.

Diese Jahrhundertruine ist aus Berlin-Mitte inzwischen nicht mehr wegzudenken. Sie ist fester Bestandteil der “Spandauer Vorstadt” mit ihren Galerien, Kulturveranstaltungen, Cafés, aber auch stillen, unfertigen Ecken. Umso mehr gilt es, über den weiteren Umgang mit dem besonderen steinernen Zeitzeugen nachzudenken und ihn samt seinen vielen Ateliers am Leben zu erhalten. Die Lenker und Organisatoren des Tacheles, die deutsche Journalistin Linda Cerna und der oberösterreichische Maschinenkünstler Martin Reiter, tun dies täglich.

Was macht das Gebäude nun im Einzelnen historisch so einmalig? Gehen wir die einzelnen Epochen durch. Das 20. Jahrhundert begann mit dem Aufstieg der modernen industriellen Konsumgesellschaft: Das Tacheles wurde als Kaufhaus erbaut. Es folgten die technikbegeisterten 20er Jahre. Der Elektrokonzern AEG machte es zum “Haus der Technik”. Danach quartierten sich nationalsozialistische Institutionen ein, die Deutsche Arbeitsfront (DAF) und das SS-Zentralbodenamt, der “Generalplan Ost”.

Die DDR indoktrinierte die Werktätigen und plante das neue Berlin: Der FDGB verwaltete das teilweise zerstörte Gebäude, in welches das regimetreueste Kino sowie der volkseigene Baubetrieb einzogen. 1990 atmete das Haus erneut Zeitgeist: Eine Bürger- und Künstlerinitiative samt “Rundem Tisch” verhinderte dessen endgültige Sprengung und gab der Ruine den Namen “Tacheles”.

Schließlich kamen die Touristen aus aller Welt und eröffneten die “globale” Epoche. Daher haben wir es mit einer Jahrhundertruine, einer Epochenruine in spannenden, aber mitunter ruinösen Zeiten zu tun.

Kathedrale der Waren

Der Berliner Bankier Otto Markiewicz plante ab 1906 ” . . . Berlin eine Passage zu geben, die sich würdig neben allen bestehenden der Welt sehen lassen kann”. Einen der als Torbögen ausgebildeten Eingänge kann man heute noch an der Ruine besichtigen. Markiewiczs Bauziel war, den damals aufstrebenden Warenhäusern ein Gegenmodell in Form des Genossenschaftswarenhauses zu präsentieren, also Spezialgeschäfte in seiner Passage ansiedeln, die alle dieselbe Infrastruktur nutzten. Die Architektin Michaela van den Drisch schrieb, diese “Friedrichstadtpassage” sei die “erste deutsche Shopping Mall” nach US-amerikanischem Muster gewesen. Es war der letzte große Galeriebau Europas und der letzte Versuch Preußens vor dem Ersten Weltkrieg, die USA beim Kaufhausbau einzuholen.

Doppelt so groß wie die wenige Jahrzehnte zuvor eröffnete Kaisergalerie, umfasste die Friedrichstadtpassage fünf Etagen, sieben Innenhöfe, mit eigener Rohrpost-Anlage und einem eigenen U-Bahn-Zugang. Im August 1908 wurde der sehr großzügig ausgestattete Konsumtempel eröffnet. Es handelte sich um eine der frühesten Stahlbetonkonstruktionen Berlins, und die fast 30 Meter Durchmesser aufweisende Kuppel war die erste Stahlbetonrippenkuppel ihrer Art. Beobachter erinnerten sich später: “Ungeheuerer Tamtam bei der Eröffnung. Sonderzüge aus Essen, Nürnberg, Danzig. Elektrische Reklame auf vielen Dächern.”

In der Eröffnungsbroschüre war zu lesen, dass künftige Generationen Kunde erhalten sollten “von dem kaufmännischen und werttätigen Streben, das im Anfange des zwanzigsten Jahrhunderts . . . obwaltete”.

Leider ging das Konzept des Konsumtempels nicht auf, die Ladenmieten spielten die Ausgaben nicht ein. Markiewicz “sah rechtzeitig die Situation” und verkaufte den Bau 1909 an seinen Konkurrenten Wertheim. Dieser formte ihn zu einem gewöhnlichen Kaufhaus um, das jedoch ebenfalls erfolglos blieb. Noch vor Kriegsbeginn 1914 wurde es zwangsversteigert. Den Zuschlag erhielt die Commerzbank AG. Offensichtlich gelang es der Bank in den Krisenjahren nach dem Ersten Weltkrieg nicht, das Gebäude zu vermieten. Erst 1928 änderte sich die Situa-tion.

Berlin war in den “sachlichen” und technikbegeisterten 20er Jahren zur “Elektropolis” herangewachsen. Sowohl der Siemens- als auch der AEG-Konzern hatten ihre Hauptsitze und wichtigsten Produktionsstätten in Berlin. 1928 mietete sich die AEG in der leerstehenden Friedrichstadtpassage ein. Gemeinsam mit der Commerzbank gründete die AEG eine Aktiengesellschaft namens “Haus der Technik”. Im anderen Gebäudeteil errichtete die Commerzbank rund um den Tresorkeller eine Depositenkasse. Aus dem Konsumtempel wurde ein Tempel der Technik. Im Juni 1929 wurde dort die “Ständige Ausstellung der AEG-Fabriken” eröffnet. In der Nacht kündete eine riesige Lichtreklame aus Moore-Licht (Neonlicht) den Weg.

Erklärtes Ziel war es, im “Haus der Technik” das “Gigantische der Technik” vorzuführen, indem die Besucher in mehreren Hallen mit einer Inszenierung von Maschinen, Geräten und Apparaten konfrontiert und beschallt wurden. An anderer Stelle heißt es, der Zweck des Hauses bestünde darin, zu belehren und “bei der Jugend das Interesse für die Technik wachzurufen”.

Im “Goldenen Saal” wurde der Nachbau einer Schiffskommandobrücke sowie das Schaltbild einer Nacht-Flugplatzbefeuerung vorgeführt. Im “Mahagoni-Saal” waren Bahnausrüstungen und eine elektrische Grubenlokomotive aufgestellt.

Im Vortragssaal liefen Filmvorführungen und Vorträge zu technischen, wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Themen, im Eröffnungsjahr wurde der erste Tonfilm gezeigt. Angeblich befand sich im Gebäude 1936 auch der Regieplatz der ersten Fernsehübertragung der Welt, (was allerdings noch zu verifizieren wäre). Monatlich kamen an die 12.000 Besucher ins Haus. Leider geriet die Ausstellung bereits im darauffolgenden Jahr in die Weltwirtschaftskrise. Nun sollte gezeigt werden, “dass die Technik trotz ihrer schweren wirtschaftlichen Krise neue Formen und Wege schafft”.

“Kraft durch Freude”

Ab Mitte der 1930er Jahre erhielt das Organisationsbüro der DAF des Robert Ley Räume in den Friedrichstadtpassagen. Die DAF war als NS-Nachfolgeorganisation der verbotenen Gewerkschaften geschaffen worden und führte die stramme Freizeit-Organisation “Kraft durch Freude”. 1941 ließ sich auch noch eine Filiale der SS-Dienststelle “Zentralbodenamt” im Tacheles nieder und organisierte von dort ihre Raub- und Vernichtungszüge im Rahmen des “Generalplan Ost”.

1943 veranstaltete das Ministerium für Bewaffnung und Munition des Albert Speer gemeinsam mit der für Nachrichtentechnik zuständigen Heeresabteilung, der AEG und Telefunken eine große Ausstellung zum Einsatz von Elektronenröhren an der Front. Leider wissen wir weder über die DAF-Filiale, noch über die Zentralbodenamt-Stelle, noch über die Röhrenausstellung viele Details. Schon im darauf folgenden Jahr wurde das Gebäude nämlich “mittelschwer” durch Brandbomben beschädigt.

1948 ging das Gebäude – oder Teile davon – in die Verwaltung des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes der DDR (FDGB) über. Doch ein Stück Technik blieb. Denn das teilweise zerstörte Haus beherbergte das DDR-Unternehmen RFT (Radio- und Fernsehtechnik), das sich dort Büros einrichtete. Möglicherweise wurden dort auch Radioröhren an Bastler verkauft. Im Laufe der Jahre nutzten die 1956 gegründete Artistenschule der DDR, die Fachschule für Außenwirtschaft und die Nationale Volksarmee das Gebäude. Über diese Zeit wissen wir gar nichts.

Der Vortragssaal diente ab 1958 dem Betrieb des linientreuen Kinos Oranienburger-Tor-Lichtspiele (OTL). Wieder strahlt das Tacheles im Zeitgeist und darf als Ort offizieller sozialistischer Filmkultur gelten. Und es spiegelte in einem 1964 im Gebäude gegründetem Kino, dem “Camera”, die politkritische Bewegung der siebziger Jahre wider.

Ab 1980 begannen staatliche Stellen mit der schrittweisen Sprengung des Gebäudes. Man wälzte große architektonische Bauvorhaben, denen die Halbruine im Weg war. Sie wurden (Gott sei Dank) nicht mehr durchgeführt.

Künstler und Touristen

Im April 1990 sollte auch der Gebäudeteil an der Oranienburger Straße gesprengt werden. Doch im Februar wurde das Haus von Künstlern aus Ost und West gekonnt illegal besetzt, die Dynamit-Trupps gestoppt und Transparente an der Fassade installiert. Der Verein “Tacheles” wurde aus der Taufe gehoben und meldete sich mit einer Multimedia-Ausstellung “Auferstanden in Ruinen” in der Öffentlichkeit. Ein neues Zeitalter brach an, jenes der Bürgerrechts- und freien Kunstbewegung. Es stieß, ähnlich wie das wenige hundert Meter entfernte, später ebenfalls besetzte “Haus Schwarzenberg” in der Rosenthalerstraße, dessen Trägerverein derzeit 15-jähriges Jubiläum feiert, auf nicht wenige Sympathien. Trotz einer Reihe von Investoren überlebte das Kunsthaus Tacheles an seinem heutigen, geschichtsträchtigen Ort.

Martin Reiter, der sanfte Kämpfer für die Eigenregie-Nutzung durch Künstler, erklärt in seinem oberösterreichischen Dialekt neben der Currywurstbude: “Ohne das Tacheles gäbe es heute das Galerienviertel in der Auguststraße nicht”. Dieses darf genauso wie die Jahrhundertruine in keinem Touristenführer fehlen. Was spräche dagegen, im Tacheles das ebenfalls von der Pleite bedrohte, weltweit einmalige, in Berlin bestehende “Archiv der Jugendkulturen” samt einschlägiger Dauerausstellung hier anzusiedeln und damit beiden gemeinsam ein Auskommen zu sichern?

Auch eine Dauerausstellung zur einmaligen Geschichte des Hauses wäre sinnvoll. Die Besucherströme dafür sind jetzt schon vorhanden. Heute besuchen täglich mehr Leute das Tacheles als zu Zeiten der AEG. Und manche Künstler beginnen die “Biographie” des Hauses auch schon zu reflektieren: 1991 installierte einer von ihnen an der Fassade des Hauses 5000 Glühlampen und erinnerte damit an die Zeiten, als es das elektrische “Haus der Technik” war.

Günther Luxbacher, geboren 1962 in Wien, ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Wissenschafts- und Technikgeschichte der TU Berlin.

31.05.2011 | Tagesspiegel | Drei Bildhauer verlassen Tacheles gegen Bares

Drei weitere Künstler verlassen die Freifläche des Kunsthauses Tacheles. Ihren Rückzug lassen sie sich mit einer vier- bis fünfstelligen Summe bezahlen.

Unter den Künstlern hat es sich herumgesprochen: Wer aus dem Tacheles ausziehen will, muss Michael Schultz ansprechen. Der Rechtsanwalt bietet Bares gegen die Zusicherung, das Künstlerhaus kurzfristig zu verlassen. Noch, wie er betont. Am Dienstagmorgen in aller Frühe kam es zu einem weiteren Deal: „Adnan“ und zwei junge Künstler, die im Hof hinter der Kaufhausruine ihre Ateliers aufgebaut hatten, widerstanden dem Angebot nicht länger. Gegen eine „vier- bis fünfstellige Summe“, erzählt Rechtsanwalt Schultz, räumten sie ihre Flächen und verpflichten sich, keine Ansprüche mehr auf das Areal zu stellen. Erst vor einem Monat waren Gastronomen ausgezogen; sie sollen eine Million Euro erhalten haben.

Während die Abtrünnigen ihrer Wege gingen, wählten die Verbliebenen die „110“ – die Polizisten wussten allerdings nicht so recht, warum sie den Rechtsanwalt aufhalten sollten. „Ein Drittel der Hoffläche ist geräumt“, sagt Schultz. Bis Ende der Sommers werde der komplette Hof wieder in Besitz genommen. Wer sein Auftraggeber ist, will Schultz nicht sagen. Und der Mann ist überzeugt: „Die Künstler merken doch selbst, dass die Zeit des Tacheles’ vorbei ist.“

Davon will der Wortführer der Künstler im Tacheles-Gebäude, Martin Reiter, nichts wissen: „Er hat keinen Landgewinn, und wir sind ihm dankbar, dass er die Müllfläche im hinteren Hofbereich räumt.“ Die „kalte Räumung nach amerikanischen Vorbild“ schweiße die Künstler zusammen. „Wir haben die Anwälte aus dem Haus geworfen“, sagt er. Bei den 60 bis 80 Künstlern würden sie „kein Land sehen“. „Und jetzt kommt Verstärkung aus Holland“, kündigt Reiter den Besuch von Künstlern aus den Niederlanden an. Die werden im goldenen Saal ihre Werke ausstellen. Am 2. Juli soll es dann zu einer „großen Tacheles-Support-Party“ mit Unterstützung aus der Clubszene kommen. Und eine Woche später „blasen wir zum Marsch“: Von Kreuzberg soll der Weg der Sympathisanten über das Tacheles zum Roten Rathaus führen.

Die Zukunft des Tacheles ist ungewiss. Wegen der Schulden der Grundstücksgesellschaft hatte die HSH-Nordbank im April eine Zwangsversteigerung beantragt und die eine halbe Stunde vor Beginn doch gestoppt. Die Verhandlungen mit Kaufinteressenten seien noch nicht abgeschlossen, hieß es. Einen neuen Termin gibt es noch nicht.

Ralf Schönball

2.06.2011 | taz | Ausverkauf geht weiter

Weitere Künstler verlassen Kunsthaus gegen Abfindung. Anwalt glaubt an schnelle Räumung. VON Konrad Litschko

Der Hinterhof des Tacheles leert sich weiter. Nach dem mit Abfindungen erkauften Auszug der Gastro-Fraktion des Kunsthauses Anfang April ließen sich in dieser Woche drei weitere Künstler ihren Weggang bezahlen. Eingefädelt hat den Deal erneut der Charlottenburger Anwalt Michael Schultz.

Am Donnerstag war die Galerie-Hütte von Maler Adnan Kalkanci bereits vergittert, die kleine Bar von Steve geschlossen. Ein weiterer Künstler hatte am Dienstag den Hinterhof verlassen. Anwalt Schultz schwieg sich über die Auslöse aus. Es gebe Gespräche mit “sehr vielen” Tacheles-Künstlern, einige seien durchaus auszugsbereit. Noch im Sommer soll der Hinterhof geräumt sein, so Schultz’ Wunsch.

Auch im Haus wirbt der Anwalt bereits um Auszügler. Nur für “selbsternannte Oberhäuptlinge” wie Tacheles-Vorstand Martin Reiter oder den Chef der Metallwerkstätten, Hüseyin Arda, werde es “keinen Cent geben”, so Schultz. Für wen er agiert, lässt er weiter im Dunkeln, spricht nur von einem “interessierten Investor”.

Nach der Insolvenz des Tacheles-Eigentümers, der Fundus-Immobiliengruppe, steht das Kunsthaus seit 2007 unter der Zwangsverwaltung der HSH Nordbank. Eine Zwangsversteigerung Anfang April platzte kurzfristig, einen Tag später verließ die Gastro-Gruppe des Tacheles um den Chef der Zapata-Bar, Ludwig Eben, für eine Million Euro das Haus. Das Geld wurde über Anwalt Schultz transferiert. Ein neuer Versteigerungstermin steht bislang aus.

Tacheles-Vorstand Martin Reiter bezeichnet das Vorgehen von Schultz als “organisiertes Verbrechen”. Fünfmal habe man dem Anwalt schon Hausverbot erteilt.

Reiter bezweifelt, dass weitere Künstler das Tacheles verlassen werden. Das Kunsthaus plane nun vielmehr die Einrichtung einer Bürgerstiftung. Mit einem Grundkapital von 50.000 Euro soll der Weiterbetrieb des Tacheles gesichert werden.

Zudem will Reiter auf die derzeitige Mietprotestwelle aufspringen. Am 9. Juli soll mit einer Parade von Kreuzberg am Tacheles in der Oranienburger Straße vorbei zum Roten Rathaus gezogen werden: gegen eine “neoliberale Stadtumstrukturierung” im Allgemeinen, für einen “öffentlichen Freiraum” Tacheles im Speziellen.


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