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24.10.1996 | taz | Wettrennen mit der Räumung

Keine Einigung zwischen Fundus und Tacheles.
Vertragsentwurf abgelehnt. Welche Rolle spielt Bezirk?

Je näher ein möglicher Räumungstermin für das Tacheles rückt, desto unversöhnlicher werden die Fronten zwischen Kunsthaus und Investor. Einen von der Kölner Fundus-Gruppe am Dienstag abend vorgelegten Vertragsentwurf zur „langfristigen Sicherung” des Kulturhauses an der Oranienburger Straße lehnte das Tacheles gestern als „im Prinzip nicht verhandelbar ab”.

Wie berichtet hatte Kultursenator Peter Radunski (CDU) Anfang Oktober seine Bedenken gegen eine eigentumsrechtliche Zuweisung des Tacheles-Grundstücks an den Bund zurückgestellt. Damit waren die Verhandlungen zwischen Investor und Tacheles unter Zeitdruck geraten. Der Grund: Die Oberfinanzdirektion (OFD), die das Gelände in Kürze verwalten wird, hat den 1. November als Frist für das Zustandekommen des Vertrags zwischen Fundus und den „illegalen Nutzern” gesetzt. Falls es bis dahin nicht zu einer Einigung zwischen Fundus, Tacheles und Kulturverwaltung gekommen sei, müßte das vom Bezirk für nicht verkehrssicher gehaltene Gebäude geräumt werden.

Für den Fundus-Geschäftsführer Anno August Jagfeld war der Zeitdruck Gelegenheit, seine Vorstellungen von einer „Sicherung” des Tacheles neu zu formulieren. In dem am Dienstag vorgelegten Vertragsentwurf erklärt sich Fundus zwar bereit, für die Verkehrssicherung des Gebäudes aufzukommen und das Tacheles für eine Mark pro Quadratmeter zuzüglich „Nebenkosten” als Kunsthaus zur Verfügung zu stellen. Anstatt von dreißig ist allerdings nur noch von zehn Jahren Subventionierung die Rede. Im Zusammenhang mit dem von Tacheles geforderten Erhalt der Freifläche heißt es in einer Fundus-Mitteilung lediglich: „Die Nutzung der ,Freifläche’ muß noch geregelt werden.”

Die Tacheles-Künstler, für die nun das Wettrennen mit der Räumung begonnen hat, wollen sich auf Maßnahmen zur Verkehrssicherung der Ruine konzentrieren. Unterdessen herrscht weiter Unklarheit über den tatsächlichen baulichen Zustand des Gebäudes. In einem Brief an das Bezirksamt Mitte teilt selbst die OFD mit, es stoße auf „Verwunderung”, „daß die Forderung Ihrerseits nach Sicherungsmaßnahmen erst jetzt” geltend gemacht werde. Während der gesamten Zeit der Verfügungsbefugnis des Landes Berlin seien solche Forderungen nicht gestellt worden. Im übrigen sei der OFD der Zustand des Gebäudes im einzelnen nicht mitgeteilt worden.

Unmut über das Vorgehen des Bauamtes äußerte auch das Tacheles. Eine seit langem geforderte gemeinsame Begehung mit der Bauaufsicht sei bis heute nicht zustande gekommen.

wera

2.11.1996 | taz | Letzte Frist für das Tacheles

Während die Oberfinanzdirektion offen mit Räumung droht, gehen Vertragsverhandlungen mit Investor weiter. Vertragsdauer bleibt zentrales Problem

Der Countdown für das Tacheles hat begonnen. Während die Verhandlungen zwischen dem Tacheles und dem potentiellen Investor Fundus am Donnerstag bis in den späten Abend dauerten, hat die Oberfinanzdirektion (OFD) das Tacheles gestern schriftlich aufgefordert, die Ruine an der Oranienburger Straße bis zum 15. November freiwillig zu verlassen.

Falls die Künstler dieser Aufforderung nicht nachkämen, sagte gestern der zuständige OFD-Referent Jochen Kallabis, werde er einen zweiten, bereits vorbereiteten Brief an die Polizei abschicken, in dem die Räumung des Kunsthauses beantragt werde. Was zwischen Fundus und Tacheles verhandelt werde, sagte Kallabis barsch, interessiere ihn nicht.

Bei den Verhandlungen am Donnerstag abend, bei denen auch der Sprecher der Kulturverwaltung, Axel Wallrabenstein, anwesend war, sind sich beide Seiten unterdessen offenbar nähergekommen. Als „schwierig, aber konstruktiv” bezeichnete Tacheles- Mitarbeiterin Bettina Hertrampf die Verhandlungen. Kultursprecher Wallrabenstein sagte, man habe erstmals vertragliche Fragen en detail durchgearbeitet. Gleichwohl sind die strittigen Punkte wie die Vertragsdauer noch nicht geklärt. Fundus will das Gebäude nur für zehn Jahre an den Tacheles- Verein vermieten. Für dessen Vorstandsmitglied Peter Langbauer ist dies „weiter unakzeptabel”.

Bis zum Donnerstag nächster Woche will das Tacheles nun seinen Vertragsentwurf vorlegen, für eine Woche später ist der nächste Verhandlungstermin mit dem Investor Fundus anberaumt. Daß es inzwischen zu einer polizeilichen Räumung kommen kann, will man beim Kultursenator nicht glauben. „Man kann doch nicht allen Ernstes davon ausgehen, daß das Tacheles geräumt wird, wenn die Verhandlungen kurz vor dem Anschluß stehen”, gab sich Radunski- Sprecher Wallrabenstein optimistisch.

Mittlerweile hat die Kulturverwaltung die OFD auch schriftlich gebeten, das Ende der Vertragsverhandlungen abzuwarten. Den Zeitdruck, den der Kultursenator nun abwehren will, hat er allerdings selbst zu verantworten. Die Kulturverwaltung hatte nämlich im Oktober einen Einspruch gegen die eigentumsrechtliche Zuordnung des Tacheles an den Bund zurückgezogen und damit den jahrelangen Schwebezustand um das Kunsthaus beendet. Die OFD, zuständig für die Liegenschaften des Bundes, hatte daraufhin keinen Zweifel daran gelassen, daß das Gebäude, sollte es nicht schnellstmöglich zu einer Einigung und damit einem Verkauf an Fundus kommen, wegen baulicher Mängel geräumt werde.

Uwe Rada

11.11.1996 | taz | Das Berliner Tacheles soll bis zum 15. November geräumt sein

Das Berliner Tacheles soll bis zum 15. November geräumt sein. Wegen angeblicher Baufälligkeit. Während sich Berlins Senat mit dem Prunkstück der alternativen Kulturszene schmückt, sind für den Grundstückseigner die Künstler nur „illegale Nutzer”

Provinzposse in der Hauptstadt Mitte

Berlin ist nicht nur die Stadt der drei Opern, 32 Theater, neun Symphonie-Orchester und 167 Museen. Berlin ist auch die Hauptstadt einer „einzigartigen alternativen” Kulturszene. Mit diesem Attribut steigt die Marketing-Gesellschaft „Partner für Berlin” regelmäßig bei potentiellen Investoren und Berlin-Interessenten in die Bütt. Eine Ausnahmestellung in der Off-Kultur nimmt in der drei Zentimeter starken Werbemappe „Investor’s Guide” der Image-Profis dabei das Kunsthaus Tacheles in Berlin Mitte ein. „In dem 1990 gegründeten Tacheles”, so lautet die freudige Botschaft an Berlin-Besucher, „treffen sich die Künstler in Ost und West.”

Ihre Hochglanzbroschüre können die Marketing-Verantwortlichen der Hauptstadt womöglich bald einstampfen. Geht es nach dem Willen des Bundes, soll das Tacheles in der Oranienburger Straße bis zum 15. November geräumt sein. Die Künstler aus Ost und West sind für die Oberfinanzdirektion, seit November 1996 rechtmäßiger Eigentümer der unter Denkmalschutz stehenden Ruine, schlicht „kriminelle Besetzer” und „illegale Nutzer”.

In Berlin kennt die Peinlichkeit keine Grenzen. Ausgerechnet zum „Hongkong-Festival” am kommenden Freitag, bei dem der Hongkonger Art Development Council ebenso anwesend sein wird wie die Berliner Kulturverantwortlichen, soll Schluß sein mit Tacheles. Doch die mit dem schlechten Bauzustand des Gebäudes begründete Räumung durch den Bund hat mit der harten Linie des Berliner Innensenators Jörg Schönbohm (CDU) nur wenig zu tun, sondern gleicht eher einer kulturpolitischen Provinzposse, die so natürlich niemand gewollt haben will.

Eigentlicher Auslöser des Räumungsszenarios ist dabei ausgerechnet Kultursenator Peter Radunski (CDU), dessen Verwaltung paradoxerweise schon kurz nach der Besetzung des Tacheles dafür gesorgt hatte, daß das Kunsthaus nicht nur mit ausreichend Fördergeldern und ABM-Stellen versorgt, sondern sogar in die Schutzpflicht des Senats genommen wurde. Im Oktober freilich hat Radunski einen Einspruch seines Vorgängers gegen eine eigentumsrechtliche Übertragung des Grundstücks an das Bundesfinanzministerium zurückgenommen und damit eine Ereigniskette ausgelöst, die nun alle Beteiligten ins Schwitzen bringt: die Oberfinanzdirektion, die das Grundstück nun möglichst schnell und teuer verkaufen muß, den Kultursenator, dem eine Räumung einen Kübel voller Häme einbringen würde, und die Künstler sowie den potentiellen Investor, die Kölner Fundus-Gruppe, deren Verhandlungen um eine dauerhafte Sicherung des Grundstücks nun unter erheblichem Zeitdruck stehen.

Noch in der letzten Woche hatte es den Anschein, als wären die Verhandlungen zwischen Fundus und Tacheles geplatzt, die Räumung somit unausweichlich. Während die im Tacheles-Verein organisierten Künstler auf uneingeschränkte Autonomie und eine dauerhafte Subventionierung des Kunsthauses pochten, nutzte Fundus-Boß Anno-August-Jagfeld, in Berlin bekannt durch den Adlon- Bau am Pariser Platz und die Friedrichstadt-Passagen, die Gunst der Stunde. Er bot den Künstlern zwar die Sanierung des Gebäudes und eine symbolische Miete für eine Mark pro Quadratmeter an, allerdings nur für die Dauer von zehn Jahren. Außerdem, so stand es im Vertragsentwurf, den das Tacheles erstmals am 31. Oktober zu sehen bekam, sollte eine Weitervermietung an andere Künstler nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Investors möglich sein. „Unverhandelbar” lautete die Antwort der Tacheles- Künstler, die angesichts des Vertragswerks „ein Ende mit Schrecken einem Schrecken ohne Ende” vorzogen.

Mittlerweile haben sich die Wogen etwas geglättet. Der Kultursenator, dem der Schreck in den Gliedern sitzt, hat der Oberfinanzdirektion einen Brief mit der Bitte um einen Räumungsaufschub geschrieben. Ganz und gar nicht glauben will Kultursenatssprecher Axel Wallrabenstein, daß die Polizei und der Innensenator das Gebäude würden räumen lassen, wenn die Vertragsverhandlungen zwischen Tacheles und Investor kurz vor dem Abschluß stünden. Reagiert haben inzwischen auch die Künstler selbst. Eine Woche früher als geplant haben sie einen eigenen Vertragsentwurf vorgelegt, in dem sie nach den Worten ihres Vorstandssprechers Peter Langbauer den Vorstellungen des Investors in wesentlichen Punkten entgegengekommen seien. Am morgigen Dienstag soll nun erneut mit Fundus verhandelt werden.

Das Ultimatum der Oberfinanzdirektion freilich steht. Wie der zuständige Mitarbeiter der Behörde Jochen Kallabis versicherte, sei der Brief an die Polizei mit der Aufforderung, das Tacheles zu räumen, bereits geschrieben. Daß es tatsächlich zu einer Räumung und damit zur Einstampfung Dutzender Hochglanzbroschüren kommt, darf allerdings bezweifelt werden. Gemeinsam mit der Bauaufsicht will die Oberfinanzdirektion an dem Tag, an dem das Ultimatum abläuft, noch einmal den baulichen Zustand des Gebäudes in Augenschein nehmen. Und der bündnisgrüne Abgeordnete Uwe Dähn hat bereits angeboten, für die Zeit zwischen dem 15. November und dem tatsächlichen Vertragsabschluß zwischen Fundus und Tacheles das Kulturhausgelände von der Oberfinanzdirektion zu mieten. Dem Kultursenator dürfte es recht sein. Er wird seinen Kollegen aus Hongkong am kommenden Freitag dann keine peinlichen Fragen beantworten müssen.

Uwe Rada, Berlin

11.11.1996 | taz | Ein echter Freiraum, der polarisiert

Das Tacheles: ein Kunsthaus mit allen Vor- und Nachteilen,
die das Ignorieren von gängigen Konventionen mit sich bringt

Berlins Kultursenator war sich seiner Sache sicher: Das Tacheles, so meinte vor Jahren Ulrich Roloff-Momin, der parteilose Vorgänger von Peter Radunski (CDU), sei aus der Berliner Kulturlandschaft „nicht mehr wegzudenken”. Mit diesem Urteil stand er schon damals in den Augen vieler alleine da. Das Kunsthaus Tacheles, wie seine Macher die pittoreske Ruine getauft hatten, mochte gut sein für Touristen. Den Berlinern war das, was in den Ateliers, dem Theatersaal und auf den zu Galerien umfunktionierten Gängen stattfand, irgendwie zu dilettantisch. Vielleicht auch ein bißchen zu altmodisch – zu sehr Punk, wo doch längst Techno herrschte.

Die Kritik hatte ja auch oft ihre Berechtigung: Die Skulpturen, die die Stahlbildhauer unter martialischem Schweißen und Sägen herstellten, waren Schnee von gestern, Bilder hatten häufig das Verfallsdatum bereits im Moment ihres Entstehens überschritten, Theateraufführungen erschöpften sich vielfach im Effekt.

Strafverschärfend kam hinzu, daß die Leute vom Tacheles eine Zeitlang ordentlich mit ABM-Stellen bedacht wurden. Inzwischen gibt es zwar nur noch Geld für einzelne Projekte, aber der Makel, vordergründig den wilden Mann zu spielen und hintenrum Staatsknete zu kassieren, blieb haften. So passierte es, daß das Tacheles immer öfter von immer mehr Menschen gründlich mißverstanden wurde. Denn obwohl mittlerweile selbst eine senatseigene Marketing Gesellschaft in aller Welt mit dem schrillen Kunsthaus Werbung machte, ein Vorzeigeobjekt war das Tacheles noch nie.

Genau darin liegt seine besondere Qualität. Man muß das Tacheles nicht mögen. Aber respektieren sollte man es. Kalkuliertes Wohlverhalten und normierte Freizeitgestaltung darf hier niemand erwarten. Das Haus ist ein echter Freiraum, mit allen Vor- und Nachteilen, die das Ignorieren von künstlerischen und sozialen Konventionen mit sich bringt. Das mag man Autismus nennen, man kann aber auch Unabhängigkeit dazu sagen. Von deren Auswirkungen profitiert nicht nur das Tacheles selber. Es kommt auch den umliegenden Theatern, Galerien und Kunstvereinen zugute, für die es zu einer Art Lackmustest geworden ist. Das Tacheles polarisiert und ermöglicht dadurch dem Rest, seine Positionen um so genauer zu formulieren.

Daran wird sich, den Fortbestand des Tacheles vorausgesetzt, so schnell auch nichts ändern. Die Schmuddelkinder werden Schmuddelkinder bleiben. Und das ist gut so. Wer die Szene aufmerksam beobachtet, die sich in der Spandauer Vorstadt etabliert hat, ahnt, daß die Gegend rund um die Oranienburger Straße in Berlins Mitte das Tacheles noch bitter nötig haben wird. Schon der Abwechslung wegen.

Ulrich Clewing

11.11.1996 | taz | „Das ist ein Hauch von Großstadt”

Seit Tagen strömen Touristen ins Tacheles und unterstreichen mit
ihrer Unterschrift den Wunsch, das einzigartige Projekt zu erhalten

Männer mit Stockschirm wirkten im Tacheles immer schon, als hätten sie sich verlaufen. Zu zaghaft wandeln sie durchs bunte Treppenhaus, blicken zu neugierig hinter dunkle Türen, nur um festzustellen, daß es tatsächlich nur das Klo ist, was dort rauscht. Zu lange starren sie auch auf schräge Bilder, bizarre Lampen oder auf jene Leute, die wiederum so tun, als ob sie sich niemals hierher verlaufen würden und selbstbewußt am Becks-Bier nippen.

Seit die Kunde von der Räumung des Kunsthauses die Runde macht, scheint der Zustrom solcher Spezien größer denn je. Das Kunsthaus vereint sie, wie es so seine Art ist, gnadenlos auf Unterschriftenlisten. „Hallo, wir kommen aus Wernigerode. Wir hoffen, daß eure coole Hütte weiterhin stehenbleibt.” Sie unterschreiben alle. Wer in diesen Tagen kommt, will, wenn er geht, daß das Tacheles bleibt. „Das ist hier ein bißchen was anderes als euer Hamburger Bahnhof.” Manfred Saalbach aus Bielefeld schüttelt den Kopf und setzt seinen Namen auf die Liste. „Es ist irre, ich wollte mir das immer schon mal anschauen, wenn ich in Berlin bin.” Ein Reiseführer hat den Geschäftsmann und seine zwei Freunde in das Kunsthaus gelockt. Das Unkonventionelle, die kreative Atmosphäre gefallen dem Trio. „Das ist für mich ein Hauch von Großstadt, wie ich sie mir vorstelle”, sagt Manfred Saalbach.

Daß er das Tacheles genaugenommen seit dem 1. November nicht mehr hätte betreten dürfen, kann er nicht verstehen. Khaled Kenawi, Mitglied im Verein des Tacheles, zeigt ihm das Papier der Oberfinanzdirektion. Murgas, der aus Spanien stammt und seit 1991 im Tacheles ist, hat in den vergangenen drei Tagen über 400 Unterschriften gesammelt. Die anderen Tacheles-Leute nicht minder.

Auch wenn es am Freitag keine Räumung geben wird – „der Druck soll nicht nachlassen”, sagt Murgas. Schließlich will er seinen Job als Filmvorführer nicht verlieren. „Vielleicht endet ja alles wie in einem Film mit Happyend. Aber nicht von alleine. Wir müssen dafür was tun.”

Seit von den neuen Konzepten, von den neuerlichen Gesprächen und Vor-Ort-Terminen die Rede ist, hat auch Khaled Kenawi wieder Hoffnung. Das Tacheles just an dem Tag räumen zu wollen, an dem hier das Hongkong-Festival eröffnet wird und hochgestellte Politiker von dort anreisen – das könnte sich Berlin ohnehin nie und nimmer leisten, meint er. „Doch wer weiß, was wird, wenn wir kulturpolitisch nicht mehr das Thema Nummer eins in der Stadt sind?” Irgendwann in den langen Wintermonaten, fürchtet Khaled, könnte „dieser sauberkeitsfanatische Senator Schönbohm” darauf kommen, „Gefahr im Verzug” zu erklären. „Wenn das passiert, wenn geräumt wird, sind die Leute weg. Für immer.”

Kathi Seefeld, Berlin

14.11.1996 | taz | Hoffnung für Tacheles

Ultimatum aber noch nicht vom Tisch

Berlin (taz) – Nach einer weiteren Verhandlungsrunde zwischen Vertretern des Kunsthauses Tacheles und der Kölner Fundus- Gruppe scheint sich eine vertragliche Lösung zwischen den Künstlern und dem potentiellen Investor des Areals in Berlin abzuzeichnen. Bis zum Jahresende soll ein Partnerschaftsvertrag für die zukünftige Nutzung des Kunsthauses abgeschlossen werden. Gleichzeitig forderte Kultursenator Radunski die Oberfinanzdirektion (OFD) erneut auf, von der Räumung zumindest bis Jahresende abzusehen.
Damit ist aber das Ultimatum der OFD noch nicht vom Tisch. Die Behörde, seit November Eigentümerin des Geländes, hatte die Betreiber aufgefordert, das Kunsthaus bis morgen zu räumen. Gegenüber der taz erklärte der OFD- Mitarbeiter Kallabis, daß „durch eine bloße Vereinbarung zwischen Fundus und Tacheles der Zustand des Gebäudes nicht besser wird”. Die OFD sei nicht bereit, für die bauliche Sicherung aufzukommen.

Uwe Rada

16.11.1996 | taz | Tacheles wird nicht geräumt

OFD zieht Räumungsantrag wegen Verhandlungen zurück

Die drohende Räumung des Tacheles ist vorerst vom Tisch. Bereits vor dem Beginn der Sitzung eines Runden Tisch zwischen allen Beteiligten am gestrigen Nachmittag ließ die Oberfinanzdirektion (OFD) als Eigentümerin wissen, daß man das Kunsthaus an der Oranienburger Straße vorerst nicht räumen lassen wolle.

Damit widerrief die OFD ihre bis zuletzt vertretene harte Haltung gegenüber den Tacheles- Künstlern. Noch am Mittwoch hatte der zuständige Mitarbeiter der Behörde darauf bestanden, daß die Betreiber des Tacheles die Ruine bis gestern verlassen müssen. Andernfalls werde man die polizeiliche Räumung veranlassen.

Als Grund für das Einlenken gab die OFD den jüngsten Verlauf der Verhandlungen zwischen Tacheles und dem potentiellen Investor Fundus an. Die Gespräche seien so weit fortgeschritten, sagte OFD-Sprecher Wolfgang Graßnickel, daß es nun eine deutliche Tendenz zur Einigung gebe. Erst Anfang kommender Woche wolle man nun über das weitere Vorgehen der OFD und eine eventuelle spätere Räumung beraten, sagte Graßnickel. Der nächste Verhandlungstermin zwischen Fundus und Tacheles ist allerdings erst zum 3. Dezember anberaumt.

Bereits am Tag zuvor hatte sich Kultursenator Peter Radunski (CDU) optimistisch gezeigt, daß es zu keiner Räumung des Tacheles kommen werde. Außerdem habe man vereinbart, daß über den konkreten Stand der Verhandlungen ab sofort Stillschweigen bewahrt werden soll.

Bei einem Termin mit der Bauaufsicht gestern früh stellte sich nach Ansicht des Tacheles unterdessen heraus, daß die als Räumungsgrund von der OFD immer wieder genannte Baufälligkeit des Gebäudes übertrieben gewesen sei. Man sei mit der Bauaufsicht übereingekommen, daß Handlungsbedarf bestehe, sagte Tacheles Vorstandsmitglied Peter Langbauer. Dieser sei allerdings nicht so dringend, daß das Gebäude jetzt geschlossen werden müßte.

Diese Auffassung wurde auch an einem Runden Tisch vertreten, zu dem am gestrigen Nachmittag im Kulturamt Mitte alle Beteiligten auf Einladung von Baustadträtin Karin Baumert (PDS) zusammengekommen waren. Dabei wurde vereinbart, daß das Tacheles ein Gutachten über die kurz- und mittelfristig zu behebenden Mängel am Gebäude erstellt. Das Gutachten soll anschließend vom Bauamt überprüft und dann ein Maßnahmenkatalog erstellt werden. Bis zuletzt hatte die OFD die Ansicht vertreten, daß das Gebäude sofort wegen Baufälligkeit geschlossen werden müßte.

Uwe Rada


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