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6.3.1997 | taz | Fundus kündigt Tacheles Vertrauen auf

Investor beendet Verhandlungen, nachdem das Kunsthaus
eine Frist verstreichen ließ. Auch Radunski geht auf Distanz

Nichts geht mehr. Gestern erklärte die Kölner Fundus-Gruppe die Zusammenarbeit mit dem Betreiberverein des Kunsthauses Tacheles für beendet. Wie Fundus- Projektentwicklerin Toni Pfeiffer mitteilte, sei eine „partnerschaftliche Zusammenarbeit zur Verwirklichung des Projekts” nicht mehr möglich. Die für einen Vertragsabschluß mit dem Tacheles und für die gemeinsame Entwicklung des Kunststandorts Tacheles „unabdingbare Vertrauensbasis”, so Pfeifer, bestehe nicht mehr.

Anlaß für die Beendigung der Verhandlungen durch den Investor, der rund um das Tacheles das Johannisviertel hochziehen will, ist eine Frist, die das Tacheles verstreichen ließ, ohne die Fundus- Gruppe über die Gründe zu unterrichten. Bis Ende Februar sollten die Betreiber des Kunsthauses an der Oranienburger Straße erklären, ob sie dem Vertragsentwurf, den ihnen Fundus am 11. Februar überreicht hatte, akzeptieren oder nicht. „Auf dieses Angebot hat Tacheles nicht geantwortet”, sagt Fundus-Projektleiterin Toni Pfeiffer.

Im Tacheles selbst bezeichnete man das Nichtreagieren auf die Fundus-Frist gestern als „Bürofehler”. Man habe es schlicht versäumt, Fundus mitzuteilen, daß der Vertragsentwurf erst der Mitgliedervollversammlung des Tacheles-Vereins am 12. März zur Entscheidung vorgelegt werden sollte. Für den darauffolgenden Tag lud das Tacheles gestern nun zu einer Pressekonferenz ein. Thema: „Stellungnahme von Tacheles zum letzten Vertragsentwurf von Fundus”.

Dafür könnte es allerdings zu spät sein. Statt mit den jetzigen Betreibern weiterzuverhandeln, kündigte Fundus-Projektleiterin Pfeiffer gestern an, eine Ideenwerkstatt über die künftige Nutzung des Kulturhauses durchzuführen, der dann schließlich eine internationale Ausschreibung folgen soll. „Auf jeden Fall”, sagte Pfeiffer zur taz, „wollen wir den Kunststandort Tacheles erhalten”.

Auf Distanz zum Tacheles ging gestern auch Kultursenator Peter Radunski. Er bedauerte die Mißachtung des Vertragsentwurfs durch das Kunsthaus. Dieser Vertrag, so Radunski-Sprecher Wallrabenstein, habe ein „weitestgehendes Entgegenkommen” dargestellt.

Ob das Tacheles nach dem entgültigen Scheitern der Verhandlungen geräumt wird, ist derzeit noch ungewiß. Die Oberfinanzdirektion (OFD) als Eigentümer des Geländes will in der nächsten Woche mit der Innenverwaltung und dem Bezirksamt Mitte über das weitere Vorgehen beraten. Der Sprecher der Oberfinanzdirektion, Helmut John, betonte aber, daß es zahlreiche Möglichkeiten gebe, im Tacheles zu „intervenieren”. Dies betreffe insbesondere die Verkehrssicherheit des Gebäudes, die noch immer nicht den geltenden Anforderungen entspreche.

Uwe Rada

7.3.1997 | taz | Untergang in Trümmern

Das Kunsthaus Tacheles ist ruiniert: Auch der potentielle Investor zieht sich nun zurück   Aus Berlin Uwe Rada

Es gab Zeiten, da galt das Tacheles, die skelettierte Bauruine zwischen Oranienburger und Friedrichstraße, in der Kunstszene als Synonym für die Nachwende-Off-Kultur im Berliner Bezirk Mitte. Mit der Besetzung der zu DDR-Zeiten zur Sprengung vorgesehenen Gebäudereste im Februar 1990 war aus der Spandauer Vorstadt, dem verschlafenen Altstadtrest nördlich der Ostberliner City, über Nacht der Nimbus eines aufregenden Szeneplatzes verliehen worden. Das Publikum kam (und mit ihm das Geld), die öffentliche Kulturförderung und ABM-Stellen. Immerhin, so lobte das Stadtmagazin tip, auch zwei Jahre später noch, sei die Tacheles-Ruine kein Problem, das man weginszenieren müsse, sondern ein Geschenk, mit dem man spielen sollte.

Heute will mit dem Tacheles keiner mehr spielen. Vor allem nicht die Kölner Fundus-Gruppe. Lange Zeit bemühte sich deren Boß Anno August Jagdfeld – in Berlin bereits mit dem Hotel Adlon, dem Quartier 206 der Friedrichstadtpassagen und einer leerstehenden Büropyramide in Marzahn vertreten – um die Integration des Tacheles in das Fundus- Projekt „Johannisviertel”.

Doch die „aufregende Kooperation zwischen Off-Kultur und Hochfinanz”, wie es ein ehemaliger Tacheles-Funktionär einmal formulierte, stand von Anbeginn auf tönernen Füßen. Spätestens seitdem die Baupläne für das „Johannisviertel” im vorigen Jahr öffentlich vorgestellt wurden, gab es Verhandlungen zwischen dem Investor und den Künstlern nur noch auf dem Papier. Kern des Konflikts war die hinter der Kunstruine gelegene Freifläche. Hatte Fundus- Chef Jagdfeld dort vor allem hochwertige Gastronomie und innovative Dienstleister ansiedeln wollen, wäre den Betreibern des Kunsthauses die Fläche am liebsten als Abenteuerspielplatz nebst Bierausschank gewesen.

Mitten in diese Pattsituation war vor einem halben Jahr ein Schreiben des Berliner Kultursenators geplatzt, in dem dieser keinerlei Bedenken mehr dagegen hatte, das Tacheles-Gelände dem Bund als neuem Eigentümer zu übertragen. Und dieser, vertreten durch die Oberfinanzdirektion, ließ keinen Zweifel daran, daß es im Zusammenhang mit dem Verwertungsgebot für Bundesimmobilien nur zwei Alternativen geben würde: Räumung oder schnellstmöglicher Vertragsabschluß zwischen Fundus und Tacheles und dem Verkauf des Areals an die Kölner Immobiliengruppe.

Während zum Jahresende nach außen hin alles unternommen wurde, um eine drohende Räumung – samt Blamage für den Senat, der mit dem Kunsthaus international für den Standort Berlin wirbt – zu verhindern, stand hinter den Kulissen schon fest, daß eine Einigung zwischen Fundus und Tacheles immer unwahrscheinlicher würde. Zu weit gingen die Vorstellungen auseinander. Während Tacheles eine unbefristete Subventionierung forderte, bot Jagdfeld zehn Jahre plus Option. Und während Jagdfeld durch ein Kuratorium die künstlerische Qualität des Tacheles überprüft haben wollte, pochte der Tacheles-Verein auf Autonomie. Und während sich die benachbarte Kunstszene immer mehr vom Tacheles abwandte, igelten sich die Künstler immer mehr in ihrer Ruine ein.

Mittlerweile ist es um den künstlerischen Ruf des Tacheles seltsam ruhig geworden. So still, daß nun nicht einmal mehr die Nachricht von den geplatzten Verhandlungen die Berliner Öffentlichkeit überraschen konnte. Fundus hatte die Verhandlungen vorgestern für beendet erklärt, weil die Tacheles- Betreiber nicht, wie gefordert, auf den letzten Vertragsentwurf des Investors reagiert hatten.

Auf Distanz ist unterdessen auch der Kultursenator gegangen. „Wir haben keine Verbündeten mehr”, räumt Tacheles-Vorstandsmitglied Bettina Hertrampf ein. Niemand weiß, wie es nun weitergeht. Der Bund als Eigentümer will erst noch mit dem Senat verhandeln. Fundus möchte am liebsten einen Ideenwettbewerb und eine internationale Ausschreibung, um einen neuen Betreiber zu suchen. Und der Senat weiß, daß eine Räumung noch immer rufschädigend sein könnte. Vor allem im Ausland, wohin die Kunde von der gescheiterten Kooperation zwischen Off-Kultur und Hochfinanz noch nicht gedrungen ist.

18.3.1997 | taz | „Leistungsbetteln” für das Tacheles

Die KünstlerInnen des Tacheles sehen die öffentliche Hand seit geraumer Zeit nur noch als drohende Faust: Das Tacheles erhält keine Projektgelder mehr vom Kultursenat. So gehen die Kunst- und Theaterprojekte nun anders auf die Jagd nach öffentlichem Geld: Am kommenden Wochenende findet auf dem Bürgersteig vor dem Kunsthaus das „1. Internationale Leistungsbetteln” statt. Im Laufe des Sommers sollen 30 derartige Wettbewerbe an verschiedenen Orten stattfinden. Die Einnahmen werden zu jeweils 50 Prozent dem Tacheles und dessen KünstlerInnen zugute kommen. Sanieren werden sie sich natürlich nicht mit den milden Gaben der Passanten. Das Schnorren für die Kunst ist selber Kunst: „Wir wollen zeigen, daß man als Künstler betteln muß, während die öffentlichen Mittel ins Kulturmanagement und in Prestigebauten fließen”, erklärt Martin Reiter von Tacheles e.V. Der Verein fordert die Senatskulturverwaltung auf, die Kunst- und Theaterprojekte seines Hauses wieder zu unterstützen. „Wir fordern nichts für uns, aber alles für die Kunst”, erklärten die BetreiberInnen gestern. Der Kultursenator wolle das Tacheles durch die Streichung der Mittel austrocknen.

Die Tacheles-Kunst wird nicht nur nicht gefördert, sondern ist auch von Obdachlosigkeit bedroht. Die Verhandlungen mit der Kölner Fundus-Gruppe, die das Grundstück mit der denkmalgeschützten Ruine erwerben will, waren am vergangenen Donnerstag endgültig gescheitert. Tacheles e.V. hat vorgeschlagen, die Teilfläche, auf der das Gebäude steht, vom Grundstücksverkauf auszunehmen. Die Oberfinanzdirektion, Besitzerin des Geländes, hält jedoch daran fest, alles an Fundus zu verkaufen – notfalls mit einem geräumten Tacheles darauf.

Holger Wicht

20.3.1997 | taz | Tacheles erhält Räumungsfrist

Bis zum 4. April sollen die Betreiber das Kunsthaus an der Oranienburger Straße verlassen haben. Heute wird aber noch mit der Oberfinanzdirektion verhandelt

Für das Tacheles an der Oranienburger Straße wird es wieder einmal ernst. Nachdem die Verhandlungen zwischen den Betreibern des Kunsthauses und dem Kölner Investor Fundus Anfang dieses Monats gescheitert waren, hat die Oberfinanzdirektion (OFD) als Noch-Eigentümerin des Grundstücks erneut die Räumung des Tacheles verlangt.

In einem Schreiben der OFD wird das Tacheles aufgefordert, das „besetzte Haus nebst Grundstück” bis zum 4. April zu räumen. Außerdem, so verlangt die Oberfinanzdirektion, soll der Betreiberverein sämtliche „eingegangenen Nutzungsverhältnisse mit Dritten unter Namensnennung und Beifügung geschlossener Veträge offenlegen”.

Mit diesem Ultimatum erneuert die Oberfinanzdirektion ihr Räumungsbegehren vom 1. November vergangenen Jahres. Zwischenzeitlich war der Räumungsantrag aber ausgesetzt worden, um eine letzte Verhandlungsrunde zwischen dem Tacheles und dem Investor zu ermöglichen. Nachdem der Tacheles-Verein ein Vertragsangebot ignoriert hatte und Fundus daraufhin die Verhandlungen für beendet erklärt hatte, hatte die Vollversammlung des Tacheles ihrerseits am 12. März die Verhandlungen für gescheitert erklärt.

Die Fundus-Gruppe strebt seitdem einen Ideenwettbewerb für die weitere Zukunft des Kunsthauses an, der schließlich in eine internationale Ausschreibung für die künftigen Betreiber münden soll. Auch die Kulturverwaltung, die sich noch vor einigen Monaten für den Erhalt des Kunsthauses unter dem jetzigen Betreiberverein ausgesprochen hatte, hat sich mittlerweile diesem Vorschlag angeschlossen.

Unterdessen hat der Verein der Oberfinanzdirektion ein eigenes Angebot unterbreitet. Wie Vorstandsmitglied Bettina Hertrampf der taz erklärte, wolle man das Kunsthaus nun unabhängig von Fundus von der OFD mieten – Kostenpunkt: 50.000 Mark im Jahr. Eine neu zu gründende Tacheles- Stiftung würde in diesem Fall selbst für die Sanierung der Kunstruine aufkommen wollen. Im dafür zu gründenden Sanierungsbeirat solle neben dem Bezirk auch je ein Vertreter der Fundus-Gruppe sowie der Oberfinanzdirektion sitzen. Mit dem Investor, der die Nachbargrundstücke bebauen könnte, strebe man eine Kooperation an. Mit diesem Angebot verzichtet der Tacheles-Verein erstmals auch auf die Nutzung der hinter dem ehemaligen Passagen- Kaufhaus gelegenen Freifläche. Diese, so Hertrampf, wolle man aber bis zum Baubeginn durch Fundus weiter nutzen.

Bereits für heute ist erstmals ein Termin zwischen dem Präsidenten der Oberfinanzdirektion, Ingo Trendelenburg, und dem Tacheles anberaumt. In welche Richtung – Räumung oder Mietvertrag – das Pendel ausschwingen wird, konnte gestern keiner sagen. Bei der OFD war keiner der zuständigen Mitarbeiter zu erreichen.

Uwe Rada

4.4.1997 | taz | Tanz auf der Titanic von Berlin-Mitte

Heute läuft die Räumungfrist für das besetzte Kulturhaus „Tacheles” aus. Der künftige Investor will mit
Kunst weitermachen – aber unter seiner Kontrolle und mit anderen Betreibern   Von Gereon Asmuth

Berlin (taz) – Keines der unzähligen Plakaten am Tacheles gibt einen Hinweis auf die fast unausweichlichen Änderungen, die dem Kunsthaus in Berlin-Mitte bevorstehen. Geht es nach der Oberfinanzdirektion (OFD), die das Gebäude im Auftrag der Bundesregierung verwaltet, sollen die Betreiber das seit sieben Jahren besetzte Tacheles spätestens heute freiwillig übergeben. Anfang März waren die Verhandlungen zwischen dem Tacheles und dem Investor Fundus, der das Kunsthaus in ein Neubauprojekt auf den umliegenden Brachflächen integrieren wollte, gescheitert.

„Freiwillig werden wir das Haus nicht verlassen”, erklärt Tacheles- Sprecher Martin Reiter. Heute abend steht anderes auf dem Programm. Mit einem kulturellen „Salon d’Avril” und einer Riesenparty will sich das Tacheles noch einmal von seiner besten Seite zeigen. Über ihre Kreativität wollen die Künstler die öffentliche Meinung auf ihre Seite ziehen.

Doch es dürfte ein Tanz auf der Titanic werden. Bis September hofft OFD-Sprecher John die Räumung zu erklagen. Für andere Lösungen sieht er keinen Spielraum mehr. Dem von den Tacheles-Betreibern vorgeschlagenen Stiftungsmodell, bei dem die OFD das Gebäude für rund 4.000 Mark monatlich überlassen sollte, gibt er keine Chance. Das Tacheles habe alle an der Nase herumgeführt: „Die wollen nur noch Geld abzocken.” Das Tacheles-Modell komme einem „Freifahrschein für die Finanzierung durch die öffentliche Hand” gleich, ergänzt der Sprecher des Kultursenators, Axel Wallrabenstein. Dabei sei eine Lösung zwischen Kunst und Kapital möglich gewesen.

Auch Fundus hatte ein Stiftungsmodell angestrebt. Projektleiterin Toni Pfeiffer wollte das Stiftungskuratorium aber größtenteils mit „kulturnahen Persönlichkeiten” besetzen – für die Geldakquise. Ein Nutzerbeirat sollte kulturelle Freiheit gewährleisten, aber: das Haus sollte sich für externe Impulse öffnen. Doch diese wollten sich die Nutzer nicht diktieren lassen. Der Tacheles-Verein wäre nur einer von drei Vertragspartnern des Investors geworden. Zudem wollte Fundus bei der Raumvergabe die „kulturelle Förderwürdigkeit der Untermieter” prüfen. Die Projektleiterin will nun einen Ideenwettbewerb ausrufen und anschließend die Nutzung des Gebäudes ausschreiben. Im Frühjahr 1998, so ihr Plan, könnte die Zukunft des Kulturhauses beginnen. Das wird dann allerdings weder Tacheles heißen noch sein. Den Namen haben die heutigen Nutzer rechtlich schützen lassen.

„Subkultur hat immer auch etwas mit Gesetzlosigkeit zu tun”, meint selbst Senatorensprecher Wallrabenstein. Berlin habe dafür nach dem Mauerfall einmalige Freiräume geboten. Wenn man Subkultur institutionalisiere oder fördere, könne sie vielleicht aufregend bleiben, verliere aber ihren Charme. Manchmal, so meint er, auch schon vorher: Das Tacheles gleiche zunehmend einem „Hollywood von gestern”. Als „Disneyland” bezeichnen die Tacheles- Nutzer im Gegenzug das Investorenkonzept. Über Kunstgeschmack läßt sich eben streiten, wenigstens darin sind sich alle Parteien einig.

14.3.1997 | taz | Tacheles im „Spiegel”

Sie waren wieder in Berlin, die Leute vom Spiegel. Eigentlich sind ja immer ein paar von ihnen hier, aber wenn die Schatten großer Ereignisse bis nach Hamburg fallen, müssen Spezialisten ran. Das Scheitern der multikulturellen Gesellschaft ist so ein Ereignis (türkische Jugendgangs in U-Bahnhöfen!), die Loveparade natürlich und selbst der 1. Mai. Wenn der schon den Autonomen nicht mehr heilig ist, soll zumindest für die Spiegel-Reporter Großkampftag sein: Gleich zwölf von ihnen marschierten mit geschultertem Laptop durch die „Straßen von Berlin” und stießen auf S/M-Sex in der Disco und Heinrich Lummer an der Krummen Lanke.

Der Spiegel zeigt Berlin-Kompetenz, indem er die Insassen seines Hauptstadtbüros möglichst wenig zu Wort kommen läßt. Der Blick von außen ist schließlich oberstes Gebot, auch diese Woche. Unter dem Titel „Ruine im Biersumpf” nimmt sich das neue Hauptstadtblatt der Kultur-Ruine Tacheles an. Hatte doch schon im vergangenen November eine Spiegel-Praktikantin dringend um dessen Räumung gebeten und von „harmonisch parzellierten Büros für Diplomaten” geschwärmt.

Da kann man den Groll des Spiegel-Redakteurs nachvollziehen, als er bei seinem letzten Berlinbesuch sehen mußte, daß sich statt Diplomaten immer noch türkische Kinder und Künstler auf dem Gelände tummeln. Ein großer Artikel mußte her, ein semantischer Ritt durch Berlins Off-Kultur, als hätte Hobby-Jockey Stefan Aust das Metaphernpferdchen persönlich bestiegen: Vom „morbiden Disneyland” ist da die Rede oder auch von einem „gestrandeten Ozeandampfer”, auf dem nicht nur über alle Maßen Bier getrunken, ja, selbst vor Koks nicht zurückgeschreckt wird. Wo ist das „Vorübergehende, das Fluktuierende”, fragt sich der erboste Spiegel-Reporter – als hätte er das Kunsthaus einst mitbesetzt und dessen Statut persönlich verfaßt.

Für eine schnelle Räumung müßte das jetzt eigentlich reichen. Und dann endlich können aus dem Tacheles harmonisch parzellierte Spiegel-Büros werden – damit man noch näher dran ist am Geschehen. Wenn das überhaupt noch geht.

Oliver Gehrs

30.5.1997 | taz | Tacheles-Verkauf unterschriftsreif – Klage im Juni

Der Kaufvertrag für das Gelände rund um das Kunsthaus Tacheles ist jetzt unterschriftsreif. Die Verhandlungen mit dem Investor Fundus über die sogenannten B-Flächen, die nicht das Tacheles-Gebäude selbst betreffen, seien abgeschlossen, sagte der Sprecher der Oberfinanzdirektion, Helmut John. Am 12. Juni wird vor dem Landgericht die Räumungsklage der Oberfinanzdirektion verhandelt, mit der die Behörde die bisherigen Betreiber des Tacheles aus dem Gebäude in der Oranienburger Straße klagen will. Dann soll auch das Gebäude an die Kölner Investorengruppe Fundus verkauft werden, die das gesamte Areal für rund 80 Millionen Mark erwirbt. „Wir rechnen uns gute Chancen vor Gericht aus”, sagte John. Wenn die Räumungsklage vor Gericht Erfolg hat, würde ein Gerichtsvollzieher mit der Räumung des Tacheles beauftragt. Dafür könne er polizeiliche Hilfe beantragen. Die Fundus-Gruppe, die unter anderem das Luxushotel Adlon baut, will auf dem Tachelesgelände ein Wohn- und Geschäftsprojekt errichten lassen. Über einen internationalen Ideenwettbewerb sucht Fundus eine neue Betreibergruppe für die Tacheles-Ruine. dpa


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