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12.6.1997 | taz | Tacheles im Klärungsprozeß

Alle wollen das Kunsthaus erhalten, aber keiner weiß, wie: Heute beginnt der
Räumungsprozeß. Kulturgruppen aus Mitte fordern Erhalt
Von Gereon Asmuth

In der Metallwerkstatt dröhnt Technomusik. Passanten schlendern durch die offene Tür und lassen die Blicke über die bizarren Objekte schweifen. Viel geändert hat sich hier nicht in den letzten Jahren. Noch nicht. Doch heute beginnt vor dem Landgericht der Räumungsprozeß gegen die Tacheles-Betreiber.

Kenan Sivrikaja hat fünf Jahren lang fast seine gesamte Zeit der Werkstatt gewidmet. „Den Rest von Berlin kenne ich eigentlich gar nicht”, meint der Türke. „Hier war ich immer frei, hier hat mir nie jemand reingeredet.” Die mögliche Räumung scheint ihm unvorstellbar. „Glaubst du wirklich, die können das hier alles dicht machen?” Seine Frage wirkt fast so, als würde er zum ersten Mal mit dem Thema konfrontiert. „Ich bin Künstler”, betont Sivrikaja. Die Streitigkeiten um den Tacheles-Vorstand und um die Pläne des Investors Fundus, der das Kulturhaus von der Oberfinanzdirektion (OFD) kaufen, das Gebäude sanieren und das Umfeld bebauen will, habe er nie wirklich verstanden.

Vier Jahre lang haben Fundus und der Tacheles-Verein um eine vertragliche Lösung für die seit 1990 besetzte Kaufhausruine gerungen. Ohne Erfolg. „Fundus war nie bereit, einen Partnerschaftsvertrag mit uns abzuschließen”, ärgert sich Ilia Castellanos, im Tacheles zuständig für die Kommunikation nach außen. Der Investor habe immer nur undurchschaubare Vertragsentwürfe vorgelegt, die die Autonomie der Künstler beendet hätten.

„Diese grundlegende Vereinbarung gab es sehr wohl”, entgegnet Projektkoordinatorin Toni Sachs- Pfeiffer, die sich im Auftrag von Fundus um eine Kooperation mit dem Tacheles bemüht. Bis heute hätten aber die Betreiber die vom Investor Fundus geforderten Nutzungskonzepte nicht vorgelegt.

Die OFD drängt auf Klarheit. Die Kaufverträge mit der Fundus- Gruppe seien unterschriftsreif, betont OFD-Sprecher Helmut John. Zwei Parzellen seien bereits verkauft worden. Die von der OFD eingereichte Räumungsklage richtet sich zunächst gegen den Tacheles-Verein und die Betreiber des Café Zapata. Zudem soll der Verein gezwungen werden, die anderen Nutzer des Gebäudes zu benennen. „Erst dann könnten wir auch gegen diese Nutzer Räumungsklage erheben”, erklärt John.

Die Schuldigen für das Scheitern der Verhandlungen sehen Sachs-Pfeiffer und Jahn im Vorstand des Tacheles-Vereins. „Die haben sich nicht an die Absprachen gehalten”, kritisiert die Projektkoordinatorin. „Denen geht es eher um wirtschaftliche Interessen als um die Kultur”, meint der OFD-Sprecher. „Die verwerten ein Objekt, das ihnen nicht gehört, indem sie es weitervermieten.”

In der Tat ist die Vermietung der Räume auch innerhalb des Tacheles ein Streitpunkt. „Es gibt hier Leute, die unheimlich reich sind”, meint ein französischer Maler. Jahrelang flossen über Kulturförderung und ABM-Stellen öffentliche Gelder in das Tacheles. Nun sei das Geld weg und im Haus gebe es den gleichen Vertreibungsdruck wie vom Investor, meint der Maler. Der Vorstand wolle alle Künstler loswerden, die keine Miete für die Ateliers zahlen könnten. Aber Miete für ein besetztes Haus sei doch absurd. „Und die da unten”, der Maler deutet auf das gut besuchte Gartencafé, „verdienen gutes Geld”.

Ludwig Eben, Mitbetreiber des Cafés, hält das für unsachliche Kritik von Laien. Bei dem Streit mit den Atelierbenutzern gehe es gar nicht um die Miete, sondern nur um die Betriebskosten. Die Café- Betreiber hingegen würden monatlich fast 7.000 Mark Pacht an den Verein abführen. Auch das von einer Brauerei akquirierte Geld sei fast vollständig weitergegeben worden. „Wer glaubt, mehr für den Verein herausschlagen zu können, kann den Laden haben”, betont Eben. Aber man müsse bedenken, daß er überdurchschnittliche Löhne zahle und das Café nur im Sommer floriere. „Wir sollen die letzte sozialistische Insel sein”, ärgert sich Eben über den Vorwurf der Gewinnsucht.

Die internen Streitigkeiten könnten bald beendet werden, wenn das Landgericht dem Räumungsbegehren zustimmt. „Dann werden wir irgendwann einen Gerichtsvollzieher beauftragen, der dann irgendwann auch räumen wird”, erklärt OFD-Sprecher John das weitere Vorgehen.

Dabei betonen alle Parteien, daß sie die „Idee Tacheles” – ein offenes Haus für experimentelle Kunst – erhalten wollen. „Im Geflecht der politischen und kommerziellen Verwertungsinteressen haben es Fundus, die OFD, der Senat und Tacheles e.V. nicht vermocht, eine Lösung für den Erhalt des Tacheles zu finden”, stellte eine Initiative von Kulturprojekten aus Mitte im Mai fest und forderte den Erhalt des Kunsthauses als „unabhängige Institution”. Etwa hundert Einzelpersonen und Initiativen unterzeichneten den Aufruf „Tacheles gehört der Öffentlichkeit”. Erste Gespräche mit Fundus und dem Tacheles wurden bereits geführt.

Doch die Reaktion blieb geteilt. Tacheles- Kommunikator Ilia Castellanos hält den Aufruf einfach für „bescheuert”, weil er auch auf die Ablösung des amtierenden Tacheles-Vorstandes ziele. Café-Betreiber Ludwig Eben findet den Ansatz zwar positiv, er komme aber drei Jahre zu spät. Nur die Fundus- Koordinatorin Sachs-Pfeiffer begrüßt die Initiative, die ihrem ursprünglichen kooperativen Ansatz entspreche: „Die angestrebte Urbanität für das Tacheles-Gelände ist nur zu erreichen, wenn mehr und mehr Leute in das Projekt eingebunden werden.”

15.10.1997 | taz | Deadline fürs Tacheles

OFD setzt Räumungsfrist bis 29. Oktober

Die Oberfinanzdirektion (OFD) hat den Tacheles-Betreibern eine Räumungsfrist bis zum 29. Oktober gesetzt. Bis zu diesem Zeitpunkt müssen der Tacheles- Verein und das Tacheles-Café die Kunstruine in Mitte verlassen, sagte gestern ein Behördensprecher. Andernfalls wird ein Gerichtsvollzieher mit der Räumung beauftragt. Dieser kann polizeiliche Unterstützung beantragen.

Die OFD will die Tacheles-Immobilie an die Kölner Fundus- Gruppe verkaufen. Der Kaufvertrag soll aber erst in Kraft treten, wenn das Tacheles-Gebäude und das mehr als 8.000 Quadratmeter große Gelände geräumt sind.

Fundus kündigte unterdessen an, daß auf dem Gelände neben dem Kunsthaus in Kürze ein täglicher Markt mit Kunsthandwerk und Lebensmitteln eingerichtet wird. Die künftige Nutzung des Tacheles-Gebäudes als Kulturstandort will Fundus international ausschreiben. dpa

25.10.1997 | taz | Das Kunsthaus Tacheles hat sich selbst erledigt

Sieben Jahre Tacheles waren sieben Jahre Lavieren zwischen künstlerischem Anspruch und offizieller
Anerkennung. Doch das ging nur, solange kein Investor in Sicht war. Am Ende nur hilflose Radikalität

So sehr das Ende des Tacheles einem Trauerspiel gleichkommt, so sehr glich der Beginn des Kunsthauses einem Paukenschlag. Am 13. Februar 1990 besetzten Künstler aus mehreren Ländern die zur Sprengung vorgesehene Ruine des ehemaligen Passagenkaufhauses in der Oranienburger Straße. Es war die Zeit der Anarchie, der Runden Tische und der Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen.

Die Anarchie schuf sich im Tacheles eine künstlerische Heimat, der Runde Tisch in Mitte stoppte die Abrißpläne und der Senat gewährte dem neugegründeten Tacheles-Verein zunächst acht, später sogar 45 ABM-Stellen. Das Kunsthaus Tacheles wurde zum staatlich alimentierten Ort für internationale Subkultur.

Vor allem aber wurde das Tacheles-Gelände zum Ort vielfältiger Investorenwünsche. Erste Bebauungspläne für das Areal zwischen Oranienburger-, Friedrich- und Johannisstraße legte der schwedische Skanska-Konzern vor. Im allgemeinen Immobilienwirrwar blieb die Planung freilich in der Schublade liegen. Das Tacheles konzentrierte sich derweil auf die künstlerische Arbeit. Mit Erfolg.

Die Kunstruine entwikkelte sich nicht nur zum internationalen Anlaufpunkt für experimentierfreudige Künstler. Auch das Abgeordnetenhaus sprach sich im Januar 1993 für den dauerhaften Erhalt des Tacheles aus und adelte das Kunsthaus mit einer institutionellen Förderung. Seitdem fehlt das Tacheles, das kurzzeitig sogar als Werbeträger für die Olympiabewerbung herhalten mußte, in keiner Hochglanzbroschüre des Senats. Sogar das Goethe-Institut kürte das Kunsthaus im Ausland zum Berlinischen Exportschlager, Marke Off-Kultur. Nachdem sich 1993 ein saudischer Ölscheich vergeblich um das Areal bemüht hatte, tauchte im gleichen Jahr mit der Kölner Fundus-Gruppe erstmals ein ernstzunehmender Investor auf. Nach anfänglicher Zusammenarbeit, die vom Tacheles sogar als „Pilotprojekt der Zusammenarbeit zwischen Off-Kultur und Hochfinanz” gelobt wurde, wurde das Verhältnis zwischen Tacheles und Fundus Ende 1995 schwieriger. Ein neuer Vereinsvorstand lehnte vor allem die geplante Bebauung der Freifläche ab.

Fortan verhärteten sich die Fronten. Im März dieses Jahres erklärte Fundus die Verhandlungen für gescheitert. Zuvor hatte sich bereits die Kulturverwaltung vom Tacheles distanziert. Der Grund: Keine künstlerische Innovation mehr in Sicht.

Nachdem das Tacheles eine erste Räumungsfrist von Fundus im April verstreichen ließ, entschied das Landgericht im Oktober, daß das Kunsthaus geräumt werden müsse. Kurze Zeit später setzte die Oberfinanzdirektion als Noch-Eigentümer eine Räumungsfrist: den 29. Oktober.

Vom revolutionären Elan, mit dem die Tacheles-Betreiber noch im vergangenen Jahr gegen die Bebauungspläne von Fundus vorgegangen waren, ist heute nichts mehr übriggeblieben. Radikal zeigen sich die Künstler inzwischen nur noch beim Betteln um Solidarität – nicht etwa bei der subkulturellen Szene der Stadt, sondern beim Bundespräsidenten und anderen prominenten Politikern. Damit hat sich das Tacheles, auch wenn die Räumung noch einmal verschoben werden sollte, wohl von selbst erledigt.

Uwe Rada

29.10.1997 | taz | Tacheles-Betreiber räumen nicht freiwillig

Berlin (dpa) – Die Tacheles- Betreiber wollen ihr Kunsthaus in Berlin-Mitte trotz der drohenden Räumung nicht freiwillig verlassen. „Wir werden beim Gericht einen Antrag auf Einstellung der Zwangsvollstreckung stellen”, sagte Bettina Hertrampf vom Tacheles-Vorstand gestern. Die Oberfinanzdirektion als Eigentümerin hat eine Räumungsfrist bis heute gestellt.

12.6.1998 | taz | Die Festivalisierung der Innenstadt

Die Spandauer Vorstadt hat sich vom verschlafenen Kiez zur Szenegegend gewandelt. Wo noch vor wenigen Jahren
alternative Lebensformen blühten, wird heute die Symbiose von Kunst und Kommerz gefeiert
Von Ole Schulz

Frühjahr 1990. S-Bahnhof Hackescher Markt. Es war ein trockener, sonniger Tag, als ich zum ersten Mal in die Gegend zwischen Rosa-Luxemburg-Platz und Friedrichstraße kam. Damals gab es hier kaum Geschäfte und Grün, einige Omis lugten aus verwitterten Fenstern, an den maroden Fassaden flatterten Demo-Aufrufe im Wind, und auf den Straßen waren noch weniger Trabis als Menschen zu sehen. Dafür gab es aber viele steinerne Träume zu entdecken: abbröckelnde Fassaden, Granatlöcher und Schriftzüge aus vergangenen Tagen. Gemeinsam mit streunenden Katzen durchstöberte ich leerstehende Mietshäuser und verwunschene Gewerbegelände. Überall war es wohltuend ruhig, ein Viertel wie im Dornröschenschlaf.

Niemand hatte mir dieses alte Berlin jenseits sozialistischer Prachtstraßen und Aufbau-Architektur jemals gezeigt, das sich von der Volksbühne im Osten über die Oranienburger Straße, wo schon in den 20er Jahren neben der Synagoge die Huren standen, bis zum 1990 besetzten Kunsthaus Tacheles an der Friedrichstraße hinzieht. Als Westberliner Mauerkind wußte ich nichts von der Spandauer Vorstadt, jenem Kiez unweit der Museumsinsel, dessen seit 1800 entstandene, enge Straßenfluchten von niedrigen Stadthäusern und protzigen Gewerbehöfen aus der Gründerzeit gesäumt werden; ein reizvolles Viertel, in dem man buchstäblich über die Spuren der wechselvollen deutschen Geschichte stolpert und dessen Abriß mutige Bewohner erst kurz vor dem Mauerfall verhindert haben.

Wie viele junge Menschen zog es mich nach dem Fall der Mauer hierher in den wilden Osten. Jeder zweite Anwohner kam erst ab 1991 in die Gegend. Es lockten die billigen Mieten und all die Nischen, die mit den Wirren des Umbruchs entstanden waren. Es war eine Zeit, in der fast jeder, der wollte, einen Platz finden konnte.

Denn die Wohnungsbaugesellschaft Mitte vergab großzügig Mietverträge für Gewerberäume – wenn auch nur solange, bis die Eigentumsverhältnisse geklärt waren. Einige besetzten Häuser, andere schweißten Kunstwerke aus Metallschrott für den Skulpturenpark hinterm Tacheles, Maler fanden großartige Ateliers für wenig Geld und null Komfort, rhetorisch Begabte wurden Kulturmanager, Musiker entdeckten irgendwo Räumlichkeiten, in denen sie endlich Krach machen konnten, und Plattenfetischisten eröffneten Clubs in dunklen Kellerlöchern.

Und so entstand eine vielfältige kulturelle Szene. Noch heute befindet sich in dem kleinen Viertel mehr als ein Drittel der rund 1.000 kulturellen Einrichtungen im Bezirk Mitte. Viele hielten sich mit Geldern über Wasser, die der „Beirat für dezentrale Kulturarbeit” bis heute an Projekte freier Kulturgruppen vergibt – 170.000 Mark im Jahr.

Doch die Umbruchsjahre sind vorbei, der Baulärm auf dem Zenit und die Zeiten für viele härter geworden. Die meisten Häuser in der Gegend sind „rückübertragen” und inzwischen saniert, die Mieten kräftig gestiegen und die Baulücken, die der Krieg hinterlassen hat, mit adretten Neubauten „geschlossen” worden.

Am Hackeschen Markt sind die Veränderungen nicht zu übersehen: Vor zwei Jahren wurden die 1906/07 erbauten Hackeschen Höfe wiedereröffnet, mit acht Höfen Berlins größtes Gewerbehofareal. Jetzt strahlen die farbigen Klinker der Jugendstilfassade in neuem Glanz, und auf dem schnieken Gelände wird eine – als Symbiose von Kultur und Kommerz gepriesene – Neuberliner Mischung aus Bars, Boutiquen, Feinkostläden, Theatern, Kinos, alteingesessenen Mietern und Handwerksbetrieben exemplarisch vorgelebt. Außer Frage steht, daß die Höfe die Gegend für ein kauffreudiges und kulturinteressiertes Publikum salonfähig gemacht haben.

So wurde aus dem einstigen Cityrandgebiet eine Art Amüsierviertel, das an den Wochenenden von flanierenden Bildungsbürgern, neugierigen Touristen und Nachtschwärmern überrannt wird. Auf fast jeden der 7.000 Anwohner kommt heute ein Kneipenplatz. Im neuen Merian-Berlin-Heft heißt es beschwörend: „Rings um die Hackeschen Höfe entsteht das zukünftige Zentrum Berlins.” Auf der anderen Straßenseite sind die Neuen Hackeschen Höfe, ein Ensemble aus zwölf Neubauten, im Rohbau nahezu fertig, die Rosenthaler Höfe, ein Stück die Straße hoch, folgen bald.

Ein Teil der Kulturszene konnte sich etablieren. Mit der aufsehenerregenden Ausstellung „37 Räume” in abbruchreifen Wohnungen und Ladenlokalen war 1992 das Viertel für den Kunstbetrieb erschlossen worden. Nach und nach zogen mehr und mehr renommierte Galerien in der Auguststraße und Umgebung. Neunmal im Jahr luden die ansässigen Galerien seitdem zu einem – meist völlig überfüllten – Vernissagen- Rundgang. Kritiker sprechen schon von der „Festivalisierung der Innenstadt”, die die Unterschiede und Widersprüche zwischen Ost und West verwische. In einer ehemaligen Margarinefabrik werden die „Kunstwerke” im Herbst eine richtige Biennale veranstalten – unterstützt mit öffentlichen Geldern in Millionenhöhe.

Viele andere Einrichtungen, vor allem solche nichtkommerzieller Natur, sind dagegen in ihrer Existenz bedroht. Nicht nur das über die Stadtgrenzen bekannte Tacheles steht kurz vor dem Aus. Auch die in einem baufälligen Gewerbehof untergekommen Künstlergemeinschaft „Apparat” mußte ihre spartanischen Ateliers Ende März räumen. Seitdem suchen 40 Künstler verzweifelt nach einem bezahlbaren Ausweichobjekt. Immer mehr Altmieter, Kulturschaffende und kleine Gewerbetreibende können sich die hohen Mieten, die nach der Sanierung fällig werden, nicht mehr leisten und werden verdrängt. Verfügten 1992 nur fünf Prozent der Haushalte über ein Einkommen von 4.000 Mark aufwärts, sind es heute bereits über ein Drittel.

Die Spandauer Vorstadt hat ihren eigentümlichen Charme nicht ganz verloren, und es lohnt sich noch, einen Blick hinter die Fassade weißgetünchter Hausfronten zu werfen. Es gebe für sie nicht Schöneres, erzählt mir eine Nachbarin, als an einem Sonntagvormittag, wenn der Kiez sich noch von der Nacht erholt, durch die leergefegten Straßen zu spazieren.

12.08.1998 | taz | Klagen gegen Tacheles

Oberfinanzdirektion schickt 30 Künstlern
Räumungsbriefe. Prozedur dauert bis 1999

Die Künstler im Kunsthaus Tacheles müssen ihre Ateliers verlassen. In den nächsten Tagen gingen den 30 Künstlern Räumungsklagen zu, sagte ein Sprecher der Oberfinanzdirektion (OFD) gestern. Das Landgericht hatte die Tacheles-Betreiber bereits im Oktober vergangenen Jahres zur Räumung des maroden Gebäudes verpflichtet. Die Ateliernutzer müssen einzeln herausgeklagt werden.

Der für das Tacheles-Café gerichtlich erwirkte Räumungstitel solle nach dem Wechsel des Café- Pächters jetzt auf den neuen Pächter umgeschrieben werden, hieß es. Die Oberfinanzdirektion, die Gebäude und Grundstück für den Bund verwaltet, will die Ruine in der Oranienburger Straße an die Kölner Fundus Gruppe verkaufen.

Fünf der 30 Künstler seien im Ausland gemeldet, sagte der Behördensprecher. Für die Zustellung der Räumungsklagen an deren Wohnort müßten möglicherweise die Botschaften der entsprechenden Länder eingeschaltet werden. Vermutlich werde es sich noch bis in das nächste Jahr hineinziehen, bis alle Tacheles-Nutzer das Gebäude verlassen haben, sagte der OFD-Sprecher.

Alternative Künstler hatten 1990 das ehemalige Kaufhaus in der Oranienburger Straße besetzt und die Ruine so vor dem Abriß bewahrt. Das halbverfallene Tacheles beherbert neben Ateliers auch Probenräume, einen Theatersaal und ein Kino. dpa

12.08.1999 | taz | Wiedergeburt nur gegen Bares

Vernunftbegabte Menschen ohne Körper: Das „Festival der Geister” im Tacheles

„No ghosts – just spirits …” Gefragt nach den Geistern in seinem Werk, kann der taiwanesische Künstler Huang Chi Yang säuberlich trennen, was auf deutsch hübsch vieldeutig klingt: Geist ist Gespenst, vernunftbegabtes Hirn und Mensch minus Körper. Huang Chi Yang hat eine Reihe nackter Berliner Liebespaare porträtiert, um dann die Silhouetten in lebensgroße Formate zu übertragen und mit dem gleichen floralen Tintenmuster auszufüllen – fast identische Motive, die sich nur durch ein geheimnisvolles Maß an Innigkeit unterscheiden: „… or souls.”

Huang Chi Yang und eine Reihe weiterer bildender und Installationskünstler eröffnen heute abend mit einer Vernissage das „Festival der Geister” im Kunsthaus Tacheles. Die „KulturNomaden” Heike Gäßler und Charlotte Breinersdorf haben dazu zahlreiche Choreographen und Performer, bildende Künstler und Musiker aus acht ostasiatischen Ländern eingeladen.

Gerahmt von Vorträgen, Lesungen, einer Filmreihe und Workshops füllen die Produktionen ein sechswöchiges Programm. Ihre konzeptionelle Klammer, das Geisterthema, soll dabei weder den Ethno-Bonus noch esoterische Wellen abfangen, sondern das Publikum einladen, Spiritualität in ihren verschiedenen Spielarten zu erkunden. Denn auch wenn Geister im kulturellen Leben Asiens als Realitäten verankert sind, stehen die Formen künstlerischer Auseinandersetzungen mit ghosts, spirits oder energies in unterschiedlichen biographischen, sozialen und politischen Zusammenhängen. Das überbordende Programmheft versucht die Arbeiten nach klassischen Genres zu sortieren, verfängt sich aber im Benennungsproblem.

Denn all die Tanz-, Ritual- und Visual-Performances, Theaterspektakel und Klanginstallationen, gipfelnd im „multimedialen Gesamtkunstwerk”, zeigen nur, dass die geladenen Projekte sich offenbar ebenso der Kategorisierung entziehen wie die Geister selbst. Zum Auftakt feiern beispielsweise Künstler des Five Arts Center aus Kuala Lumpur mit „The Family” (Regie: Krishen Jit) ein Geburtstagsfest, zu dem die verstorbene Verwandtschaft erwartet wird. Da die Party sich in Spiel und Gestaltung über das ganze Haus erstreckt, müssen die Zuschauer selbst entscheiden, welchem Erzählstrang sie folgen möchten. Auch der indonesische Bewegungskünstler Suprato Suryodarmo sucht in „The Voice of Ancestors” den Dialog mit den Toten, allerdings in Gestalt einer Ritualperformance, deren Choreographie traditionelle Körpertechniken aufgreift und zu einer neuen verwebt. Rituale und Feste können den „ethnologischen” Blick des Westens zwar befremden, aber kaum überraschen.

Irritationen kündigen vor allem jene Projekte an, in denen Ernst und Satire, regionale Tradition und internationale Hightech zusammenfließen. Ist Lap Wing Yips (Hongkong) styroporenes „Reisebüro für Geister” ein Scherz? Cosmo Cais (Berlin/VR China) neonbeleuchteter Holzsarg Provokation oder zeitgemäße Andacht? Jean Ngs Solotheater „And Budda said: Mop the Floor” (Singapur) ironisiert Bestechungsversuche im Seelenstadium vor der Wiedergeburt.

Und das Künstlerkollektiv „Spirits Dusting for Dummies” (Singapur) stellt sich dem Publikum selbst als Medien zur Verfügung, um vor grellen Mini-Schreinen und Instant-Tempeln mit den „großen Geistern” des Abendlandes zu kommunizieren: Was Sie schon immer von der eigenen Kultur wissen wollten, sich aber nie zu fragen wagten, erzählen Ihnen im Zweifelsfall die anderen.

Eva Behrendt

Vom 12.8. bis 26.9. im Kunsthaus Tacheles, Oranienburger Str. 154–156, Programminfos unter www.tacheles.de/geister


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