Afrikanische Kunst

Die afrikanische Kunst

Kunst in Afrika reicht von Felsmalereien und künstlerischen Masken bis hin zu Bronzegießereien und Bilderbuchmalern. "Der Bereich "Afrikanische Kunst" ist derzeit nur nach Vereinbarung geöffnet. Neu: Afrikanische Kunst aus der Sammlung Mack. Der afrikanische Kontinent steht für mehr als Hunger, Krieg und Elend, sagt Regisseur Peter Limbourg. Im Konzert der Weltkulturen spielt die Kunst der afrikanischen Völker eine außergewöhnliche Rolle.

Die Durchdringung der Modernität mit afrikanischer Kunst

Die Tribal Art bietet den Wegbereitern der Moderne Inspiration weit über die formalen Anreize hinaus. Beinahe noch bedeutsamer war die grundlegende Veränderung der geistigen Perspektiven, die sich aus der Konfrontation mit der so genannten Ur-Kunst ergaben. Pablo Picasso betritt eines Abends im Juli 1907 die Afrika-Galerie des Musée d'Ethnographie im Tropenhaus in Paris.

"Das war widerlich ", erinnert sich der Maler dreißig Jahre später. Im Gegensatz zu seinen Kolleginnen und Kollegen Henri Matisse oder André Derain, die ihm schon kurz vorher einige Exemplare der afrikanischen Skulptur zeigten, hat Picasso in letzterem nicht nur gute Werke, sondern auch zauberhafte Gegenstände, Mittel der Freiheit von Gefahren und Ängsten erkannt.

Das legendäre Bild "Les demoiselles d' Avignon" von Picasso, das kurz nach seinem Aufenthalt im Tropenhaus entstanden ist, stellt zwei der fünf weiblichen Figuren dar, die den Titel mit fast schaurig anmutenden Gesichtszügen an afrikanische Schablonen erinnern: Keine der zuvor von Kunsthistorikerinnen als Modell erwähnten Schablonen konnte vor der Vollendung des Bildes in Paris gesehen werden. Das bedrohliche Gesicht dieser beiden "Demoiselles" ist nicht nur ein Zitat, sondern beweist Picassos grundlegendes Bildverständnis der Bildprinzipien der afrikanischen Kunst.

Wenn Picasso die Kunst der Stämme entdeckt hat, gab es ein großes lnteresse an ihr. Schablonen und Gestalten aus den Siedlungen, die bisher nur als exotisches Kuriosum oder ethnographisches Lernmaterial in ethnologischen Museen Europas landeten, wurden nun von fortschrittlichen KünstlerInnen, HändlerInnen und SammlerInnen als Kunstwerk erkannt. Denn solche Gegenstände näherten sich der Kunstrevolution, an der die gesamte künstlerische Entwicklung der europÃ?ischen avantgardistischen Kunst gearbeitet hat - dem Ã?bergang von der Imitation der Sichtbarkeit zur modernen Konzeptkunst, die nicht mehr in erster Linie Sinneseindrücke darstellen sollte, sondern vor allem Anregungen und Ideen zum Leben erwecken sollte.

Es wird oft gelesen, dass Picassos Auseinandersetzung mit den Reduktionsformen der Skulptur in Afrika ihn zum Gründer des Kubaismus machte. 1907 interessierte sich Picasso mehr für afrikanische Kunst auf einer psychologischen als auf einer formalen Ebene: Neben den "Demoiselles" gibt es jedoch eine Vielzahl von Beispielen für direkte formale Entlehnungen, die von modernen Künstlern aus Afrikas Skulptur gemacht wurden.

Fernand Léger beispielsweise ließ sich für die Kostüm- und Bühnenbilder des Balletts "La création du monde" (1923) von Illustrationen in den beiden damals wichtigen Werken zur afrikanischen Skulptur anregen. Aber auch so verschiedene Skulpturen wie Constantin Brancusi, Alberto Giacometti oder Henry Moore profitieren direkt vom Repertoire der afrikanischen Maler - Giacomettis bekannte "Löffelfrau" von 1926 zum Beispiel ruft antropomorphe Kornschaufeln aus der Elfenbeinküste in Erinnerung.

Aber jenseits dieser formellen Anstöße bietet die afrikanische Kunst den Wegbereitern der Neuzeit, die in ihrer Gegenüberstellung mit dem kleinbürgerlichen Kunstgeschmack so stark nach originellen Ausdrucksquellen, ganz anderen Impulsen suchen. Besonders deutlich wird dies im Bereich des deutschsprachigen Ausdrucks - etwa im Schaffen des Brücke-Malers Karl Schmidt-Rottluff, dessen lebenslange Beschäftigung mit der afrikanischen und ozeanischen Kunst aktuell in einer informativen Schau im Bucerius Art Forum in Hamburg thematisiert wird.

Die extrasensorischen Fähigkeiten, die er in der Tribal Art empfand - ob sie nun als Animation oder Zauberei bezeichnet wurden - beschäftigte ihn. Wenngleich er sich, wie fast alle modernen Maler, kaum für die ursprüngliche Funktion der afrikanischen Skulptur interessiert, beleuchtet ein Bild wie "Masken" (1938) eine transzendentale Erlebensebene.

Die schwarz-goldene Rückenmaske bringt die Erschöpfung der Loango-Küste zum Ausdruck, während eine zinnoberrot leuchtende Anhänger-Maske aus Papua-Neuguinea wie ein Goblin ohne Füße durch die bedrückende Szenerie gleitet. Die Verbindung zwischen indigener Kunst in Afrika - aber auch in Ozeanien - und moderner Kunst ist in erster Linie Erfindungsgeist und Expressivität.

Zum anderen ist es die raffinierte Formvereinfachung, zum dritten der konzeptionelle Zugang und damit die herausragende und oft zweideutige Bedeutung elementarer Bildzeichen sowohl in der Tribal Art als auch in der europ. avantgardistischen Kunst. Umso bedeutsamer war die grundlegende Veränderung der geistigen Perspektiven, die sich aus der Konfrontation mit den Kulturkreisen der Einheimischen und ihrer damals so genannten primitiven Kunst ergaben.

Wie das Beispiel der "Maskenbilder" von Karl Schmidt-Rottluff aus dem Jahr 1938 allerdings verdeutlicht, könnte die Kunst angeblich zivilisierter Menschen auch der Moderne den Weg in die Grausamkeit ebnen.

Mehr zum Thema